Donnerstag, 14. Januar 2016

Was sind philosophische Essays?

[Ein Essay über philosophische Essays aus einem neuen Publikationsprojekt]

Sprache philosophisch zu thematisieren, lässt gleich zu Beginn einige Fragen aufkommen, die nicht leicht beantwortbar sind. Dazu gehört eine Einschätzung der anvisierten Tätigkeit: Einen philosophischen Essay zu verfassen, sich also innerhalb einer literarischen Gattung zu betätigen - mit Worten ‚Literatur‘ beziehe ich auch wissenschaftliche und philosophische Texte ein -, wird zwar der Sache nach betrieben, bleibt thematisch aber relativ häufig außen vor. Zwar ist ein Anlegen von Literaturverzeichnissen auch in wissenschaftlichen und philosophischen Kontexten üblich, in Fließtexten wurde und wird ‚Literatur‘ nicht selten mit ‚Fiktion‘ oder ‚Belletristik‘ gleichgesetzt. Diese verlautete Synonomie kann Leser nicht nur zu einem Staunen veranlassen, sondern wäre auch logisch widersprüchlich.
Sähe man von der legitimen Möglichkeit ab, einen philosophischen Essay zu verfassen, bliebe z.B. die Hinwendung zu einer sprachlichen Bürokratie. An den Universitäten kursieren Leitfäden zum Verfassen von Essays, die jedoch - wie an der Universität München -, nicht als Veröffentlichung kenntlich gemacht wurden, aus denen sich zitieren ließe, obgleich sie öffentlich im Internet zugänglich sind. Diese Leitfäden präsentieren in der Regel reihenweise Normen und genormte Standards, die aufgrund ihrer formellen Gestaltung und psychologischen Orientierung kaum etwas Relevantes in Bezug auf essayistische Sprache aussagen.
Zu beachten ist: die Leitfäden richten sich an Studierende, denen Wissenschaften und Philosophie noch relativ fremd sind. Mit einer allgemeinen Forderung nach Transparenz wird ihnen z.B. ein durchaus trübes Bild präsentiert, das fraglich werden lassen kann, ob es sich überhaupt auf Sprache bezieht, zumal auf eine wissenschaftliche oder philosophische. Die Forderung nach einer Nachvollziehbarkeit, obgleich sie sich kontextual auf Texte zu beziehen scheint, ist zentral auf eine psychische Disposition von möglichen Lesern, vermutlich primär von Dozenten gerichtet. Die sprachliche Relevanz bleibt ebenfalls undeutlich.
Selbstverständlich bedürfen solche Normen der Erläuterung. Die Richtlinien dienen einem präferierten formalen Aufbau und Menschen, die entweder keine Zeit zum Lesen haben, oder beim Lesen leicht in Schwierigkeiten geraten können. Mit Sprache haben die niedergeschriebenen bürokratischen Präferenzen wenig zu tun, nichts mit einer ethischen Alternative, der Entfaltung von Möglichkeiten, empirischen als auch logischen. Voraussetzung zu einer angemesseneren Lehre wären allerdings Kenntnisse, die von Studierenden entweder erst zu erwerben wären, sprachliche, logische, eventuell auch ethische, oder in diesem Kontext zu thematisieren wären. Solange solche Kenntnisse nicht vorliegen, können ohnehin nur umgangssprachliche Resultate erwartet werden, gleichgültig in welcher Form.
Sprachlich relevant, um ein Beispiel zu geben, sind in den Wissenschaften seit der Bologna-Reform vor allem verlautete Definitionen. Doch angegeben wird nicht selten eine Bedeutung, für die Bezüge und Probleme mit diesen relativ gleichgültig sind. Ein Wort ‚Kultur‘ wissenschaftlich alles bedeuten zu lassen, was von Menschen weitergegeben wurde und wird, wie es an nordrheinwestfälischen Universitäten, speziell im Ruhrgebiet erfolgte, lässt zwar einen typisch bürokratischen Formalismus erkennen, doch nicht nur werden dadurch Differenzierungen schwer, auch Auschwitz gehörte zur Kultur, könnte sogar zu einer Kulturinstitution werden, eine Weitergabe von Errungenschaften findet auch unter anderen Tieren statt, ob unter Walen oder Primaten. Sie ist keineswegs für spezielle Primaten, für Menschen spezifisch.
Es mag sein, dass sich in der formellen Weise ein Themenbereich erweitern und umreißen lässt, der nach Möglichkeit in die eigene Zuständigkeit fällt, sachlich wäre diese Bereicherung jedoch fragwürdig. Unabhängig vom erweiterten Umfang fielen vor allem Traditionen in den Blick. Zudem wäre für Weitergaben unter Menschen eventuell eine Popularität des jeweils Weitergegebenen förderlich. Man beschäftigte sich, soweit man sich auf menschliche Tiere und ihre Erzeugnisse beschränken würde, primär historisch oder sozialwissenschaftlich. Die sogenannte Kulturwissenschaft wäre lediglich ein sozial- bzw. geschichtswissenschaftlicher Zweig. Mein Anliegen war, zu erläutern, wie und warum eine Frage nach Bezügen wissenschaftlich und philosophisch von Relevanz sein kann, nicht Worte ‚Kultur‘ und ihre Historie zu thematisieren, und dass ein bürokratischer Formalismus bei Analysen von Bezügen nicht hilft.

Die gelehrten essayistischen Normen dienen dazu, Objektivität einzufordern. Soweit es sich um sprachbezogene Ideale handelt, denen man sich der Konzeption nach annähern könnte, wären sie als unwissenschaftlich zu verwerfen. Ideale haben in platonischer Tradition einmal die Metaphysik bereichert, konzeptionell wären sie immer noch etwas völlig anderes als zeitgenössische wissenschaftliche oder philosophische Texte. Eventuell beruhigen Ideale ein Bedürfnis, ob ein bürokratisches oder ästhetisches, mir würde es in Bezug auf Texte bereits ausreichen, erfahren zu können, worüber gesprochen wird. Um dies zu ermöglichen, ist kein Ideal erforderlich, lediglich eine sprachlich rudimentäre aber besondere Funktion zu beachten: mittels möglicher Bezüge über etwas zu sprechen oder zu schreiben.
Etwas anderes als Ideale wären Kriterien. Diese ließen sich zumindest umgangssprachlich erfüllen. Zwei für mich sprachlich relevante Kriterien habe ich bereits angeführt: logische Widerspruchsfreiheit und ein möglicher sprachlicher Bezug. Viel mehr brauche ich nicht.
Logische Kohärenz dient u.a. einem möglichen Bezug. Werden z.B. fünf oder acht unterschiedliche Worte ‚Kultur‘ in einem Text genutzt, ohne hinreichend zu differenzieren, was derzeit gesellschaftlich gar nicht schwer fallen muss, kann ungewiss bleiben, worüber gesprochen wird. Und würde eine hinreichende Abgrenzung fehlen, sogar dann, wenn man die Worte durchnummerieren würde, blieben Bezüge weiterhin unklar.
Es gäbe ein einfaches Mittel, dem entgegenzuwirken: Bedeutungen nicht nach irgendwelchen formalen Hinsichten auszubilden, sondern als Erläuterungen von Bezügen, soweit Bezüge in Betracht kommen. Ob ein Textabschnitt einen Sachverhalt trifft, wäre jedoch nur möglich, weil Bezüge zu beurteilen sind, nicht einfach vorliegen. Auch eine große Anzahl von bereits erfolgten Einschätzen oder Prüfungen würde daran nichts ändern können, es sei denn, man befürwortete als Maßgabe eine soziale Popularität. 
Eine Frage nach den Bezügen des Satzes ‚Der Kot ist braun‘ erschöpft sich in der Regel nicht in der Angabe der kausalen Bedingung, wenn der Kot braun ist. Ein platzierter Kothaufen könnte z.B. ein Scherzartikel auf dem Tisch eines universitären Dozenten sein. Ebenso wäre zumindest zu klären, ob es sich bei dem Kot um Kot handelt. Der Satz wäre zu erweitern zu ‚Der Kot, vorausgesetzt es handelt sich um Kot, ist braun‘. Doch auch diese Erweiterung würde nicht ausreichen, um beurteilen zu können, was als ‚braun‘ beschreibar ist. Ein Farbspektrum wäre anzugeben. ‚Der Kot, vorausgesetzt es handelt sich um Kot, ist braun, vorausgesetzt die Farbe liegt im Farbspektrum XY‘. Ein messbares Farbspektrum könnte aber von Ort zu Ort variieren, je nach Lichteinfall, ebenso nach der Zeit der Begutachtung; Kot ist ein organisches Produkt, das einer zeitlichen Veränderung unterliegt. Es wären zahlreiche Bedingungen anführbar, die zur Beurteilung eines konkreten Bezugs relevant wären, sich philosophisch aber kaum prüfen ließen, allenfalls in einem wissenschaftlichen Labor, das selber Bedingungen bereithält und auch Bedingungen unterliegt. Ohne Daten, beim Verfassen eines philosophischen Essays liegen zumeist keine vor, es sei denn, man beschäftigte sich mit älteren wissenschaftlichen Forschungen, noch ließe sich eine Datenbeschaffung veranlassen, kann lediglich ein möglicher Bezug in Frage kommen, diesmal aus der Sicht eines möglichen Verfassers. Und ein sekundärer philosophischer Beitrag unterläge sogar der zweifachen Interpretation. Zitate reichten für die Gewährleistung eine Bezugnahme nicht aus. Ob über diese auch gesprochen wird, wäre eine völlig andere Frage, die von einer Interpretation der zuvor gegebenen Interpretation abhinge. Mehr als ein möglicher Bezug ließe sich auch in diesem Fall nicht veranschlagen.

Um Kriterien nicht nur bildhaft, in Form von möglichen Erfüllungen relevant werden zu lassen, ist es erforderlich, eine andere sprachliche Lösung zu finden, die der Sache angemessen sein könnte. Kriterien dienen in der Regel als Maß für eine Ausrichtung als auch Beurteilung. Eine logische Vereinbarkeit ließe sich mit Bezug auf Texte tatsächlich prüfen, ein Bezug der philosophischen Texte hingegen nur in beschränkter Weise. Die Gründe habe ich dafür bereits angeführt. Beurteilen ließe sich nur ein möglicher Bezug.
Doch eine Beurteilung der logischen Kohärenz eines Textes hat Voraussetzungen, die gar nicht stets gegeben sind. Um philosophieren zu können, sind Kenntnisse von Logik nicht stets erforderlich. Die Vorwürfe ‚Literatur‘, wie sie besonders in übersetzten Texten von analytisch ausgerichteten Philosophen gegenbenüber Vertretern anderer Richtungen geäußert wurden, ob gegenüber deutschen oder französischen Philosophen, fanden in diesem Umstand einen ungeeigneten Anlass. Nicht einmal ‚Fiction‘ wäre als Vorwurf angemessen gewesen, denn nicht nur ist ‚Literatur‘ ein Wort, das, wie erläutert wurde, auch wissenschaftliche und philosophische Texte umfasst, es ist auch aus analytischer Sicht möglich, sich auf Fiktionales, auf empirisch oder logisch Mögliches zu beziehen. Sogar in der Physik spielt es eine nicht unrelevante Rolle: die Annahme einer sogenannten dunklen Materie (dark matter) bietet nicht mehr als eine logische Möglichkeit; alternativ wäre das physikalische Standardmodell anzupassen.
Inzwischen ist in der akademisch betriebenen Philosophie eine Aversion gegen alles entstanden, was auch nur entfernt außerwissenschaftliche ‚Literatur‘ assoziieren ließe. Die unzitierbaren Leitfäden können einen Eindruck der zeitgenössischen Scholastik vermitteln, deren Fundamente in einer beherzt angegangenen Bürokratie und jener älteren Polemik liegen könnten, die beide relativ sachfremd geblieben sind.

Die Forschungsgemeinde ist alles andere als homogen. Bestenfalls ließen sich Gruppen unterschiedlicher Größe ausmachen, die mit unterscheidbaren Methoden und Kriterien arbeiten, auch sprachlich different vorgehen. Soziale Faktoren zu berücksichtigen, wäre aussichtslos, allenfalls innerhalb von Gruppierungen hilfreich, wie in jedem anderen Job auch. Doch die Konzeptionierung einer beliebigen Standesordnung interessiert mich nicht.
Die hervorgehobene Heterogenität betrifft nicht nur relativ grundlegende Ausrichtungen. Auch innerhalb der jeweiligen Forschungsrichtungen wird unterschiedlich vorgegangen. Ich z.B. verwarf aus sprachlichen Gründen Worte ‚Wahrheit‘, weil sie meines Erachtens nichts Relevantes beitragen können (vgl. Pege, K., 2015 (eBook)). Innerhalb der Forschung bezogen sie sich, wie Puntel im Kontext von modernen Wahrheitstheorien erläuterte (vgl. Puntel, L.B., 1978), entweder auf Bezüge oder auf logische Kohärenz. Da ich mich nicht entscheiden wollte und konnte, Puntel gab logischer Kohärenz den Vorzug, eines der für mich grundlegenden Kriterien zu präferieren, beließ ich es bei den Kriterien und entledigte mich der Wahrheit, die mir überflüssig erschien. ‚Wahrheit‘, so lässt sich vermuten, ist überhaupt kein wissenschaftliches oder philosophisches Wort, lediglich eine umgangssprachliche Verlautung.
Sprachlich für einen Essay relevant wäre aber eine Frage nach Angemessenheit, und weil eine soziale nicht in Betracht kommen kann, somit keine kommunikative, bliebe nur eine sprachliche übrig. Mit dieser Differenzierung, die Sprache, ihre innere Struktur und möglichen Bezüge ins Zentrum rückt, entfällt die alte Unterteilung in ‚subjektiv‘ und ‚objektiv‘. Sie ist unerheblich. Anhand des Beispiels ‚Wahrheit‘ lässt sich eine Frage nach Angemessenheit erläutern: Konkrete sprachliche Kriterien zu haben, die sich mit dem lautlichen Monismus nicht vereinbaren lassen, ist der zentrale logische Grund, ein weiterer betrifft den Bezug: Bliebe es unmöglich, zu erfahren, worüber Puntel geschrieben hat, ließen sich keine möglichen Bezüge ermitteln, wäre die logische Kohärenz seines Textes nicht beurteilbar. Sein eigenes Wahrheitskriterium wäre außer Kraft gesetzt.
Ein anderes Beispiel lässt sich mit der Formulierung ‚dunkle Materie‘ (dark matter) anführen, einem prosaischen Bild. Die beschriebene Dunkelheit bezieht sich nicht auf eine Eigenschaft der Materie, sondern auf die mangelnde Erkennbarkeit. Ohne eine Projektion hätte es vermutlich nicht zu diesem Ausdruck kommen können. Es ist unsicher, ob es die Materie überhaupt gibt. Aber die Annahme ihrer Existenz hilft, das beobachtbare Universum zu erläutern, ohne das Standardmodell ändern zu müssen. Soviel Fantasie traut man Naturwissenschaftlern i.d.R. gar nicht zu. Leider wird nicht selten unterschlagen, dass es sich bloß um eine logisch mögliche Existenz handelt, von was auch immer, nicht mehr. Ebenso ließe sich von einer Krise der Physik sprechen, die seit den Dreißiger Jahren des 20. Jhds. andauert, weil das Standardmodell die erlangten Daten nicht erläutern kann.
Ein drittes Beispiel ließe sich mit ‚Kultur‘ anführen, nach meiner Ansicht reicht das zuvor Geäußerte jedoch im vorliegenden Kontext aus. Auch möchte ich nicht in eine umfänglicher zu gestaltende Diskussion über die jeweiligen Sachbereiche abgleiten. Ich habe das Schreiben von Essays thematisiert, nicht eine zu verfassende Enzyklopädie über die Merkwürdigkeiten in der Forschung. 

Handlungsanweisungen, Normen zu geben, wie dies in der bürokratischen Scholastik üblich geworden ist, ohne sie wissenschaftlich oder philosophisch zu thematisieren, untergräbt den akademischen Tätigkeitsbereich, wäre typisch für Berufsausbildungen. Doch Weiterentwicklungen und Neues, soweit man diesen eine wissenschaftliche und eine philosophische Relevanz gibt, kommen ohne eingeräumte Autonomie nicht aus. Deshalb könnte eine zu erlangende Autonomie, menschlich als auch in Hinblick auf ein Verfassen von Essays, kaum genug Gewicht beigemessen werden. Eventuell ist die gegebene Perspektive nicht bolognakonform, aber es handelt sich um die einzige, die ich unter Berücksichtigung der angesprochen Tätigkeiten und ohne einer etwaigen Folter zu erliegen äußern kann.


Literatur:

Pege, K., 2015 (eBook), Eine Theorie des selektiven Bezugs, Duisburg.
Puntel, L.B., 1978, Wahrheitstheorien in der Neueren Philosophie, Darmstadt.

Sonntag, 4. Oktober 2015

Das Sprachanalytische Forum: ein Video

Der AutorenVerlag Matern, bei dem auch ich publiziere, hat eine Erläuterung von Engine Hedda über das Sprachanalytische Forum online gestellt … Den gesamten Kanal des Verlags gibt es hier: https://www.youtube.com/channel/UChH00p7Sb4PqhFohMMSdmTQ/videos

Donnerstag, 3. September 2015

Über die Relevanz von Sprache in der politischen Philosophie

[Der Beitrag entstand für philosophie.ch.]

Wendet man sich als Philosoph an ein nicht-fachliches Publikum, gerät man umgehend in Schwierigkeiten, auch dann, wenn über praktische Themen gesprochen wird. Das Problem beginnt mit der Sprache. Setzt man Worte bzw. Begriffe voraus, gleichgültig ob z.B. ‚Gerechtigkeit‘ oder ‚Kultur‘, kann man davon ausgehen, dass sie von Lesern umgangssprachlich aufgefasst werden. Eine solche Interpretation, die zumeist spontan und mangels zugänglicher Alternativen wie selbstverständlich erfolgt, birgt jedoch Gefahren: umgangssprachliche Fassungen könnten philosophisch völlig unerheblich sein. Sogar fachintern kann es zu Missverständnissen kommen: die Bandbreite an Differenzen ist schier unermesslich, sogar im Hinblick auf eine konkrete Relevanz von Sprache.

Fragt man, warum Sprache philosophisch, aber auch wissenschaftlich zentral sein kann, lassen sich sprachliche Bezüge angeben: erst durch zuerkannte Bezüge wird deutlich, worüber überhaupt gesprochen wird, Hypothesen formuliert, Theorien entwickelt werden. Über dieses Problem täuscht die Umgangssprache und ihre selbstverständliche Nutzung hinweg. Im Alltag ließe sich hingegen auf die Umgangssprache nicht verzichten, auch nicht von einem Philosophen. Ein Streit zwischen einem Philosophen und einer Kassiererin darüber, was ausgesucht wurde, wäre wenig hilfreich, könnte sogar zu Ausschreitungen wartender Kunden führen. In der Philosophie ist die Sachlage eine andere. In einem Geschäft liegt die Ware, der Gegenstand vor, der relevant ist. Es ist eindeutig, worum es geht, gleichgültig wie man sprachlich interpretiert. Doch worüber jemand spricht, wenn nichts als Formulierungen vorliegen, kann zweifelhaft sein und bleiben.

Bezüge können in Konkurrenz zu sprachlichen Bedeutungen geraten, wenn sie nicht als Erläuterungen von Bezügen dienen. Sogar Definitionen sind keineswegs stets tauglich, klären zu helfen, ob überhaupt über etwas gesprochen wird. Dennoch wäre man nicht darauf angewiesen, sich auf einen Empirismus zu beschränken: Bezüge lassen sich nicht nur auf Empirisches, auch auf empirisch Mögliches oder logisch Mögliches zuerkennen. Eine Science Fiction, die auf narrative Züge verzichtet, wäre, um ein Beispiel anzuführen, nicht ausgeschlossen.

Hier behandeln möchte ich jedoch einen anderen Fall: Worte ‚Kultur‘. Ich spreche von Worten, weil es sehr viele davon gibt, mit unterschiedlichen Bedeutungen und Bezügen, zumindest mit thesenhaften. Nicht nur ist die Historie seit den alten Lateinern mit Worten Kultur angefüllt, auch dort, wo das Latein zumindest oberflächlich weiter gepflegt wurde. Inzwischen wird so gut wie alles, was gesellschaftlich hervorgehoben werden soll, im deutschsprachigen Raum als Kultur ausgeben. Speziell für die alten Lateiner waren ihre Äcker Kultur, und diese erforderten ein religiöses Handeln, damit die angebauten Pflanzen gedeihen konnten. Metaphorisch bezog man sich seit Cicero auch auf einen besonderen Bildungsumfang der Eliten. Aus dem alten Griechenland ist hingegen keine Kultur übermittelt, auch kein Wort, das dem lateinischen ähnlich wäre. Um den alten Griechen Kultur zuschreiben zu können, wäre zu projezieren, doch warum sollte man so etwas tun? Bereits der einfach historische Vergleich kann in Frage stellen, ob es eine Sache Kultur gibt, nicht lediglich regional geprägte Worte – und seit einigen Jahrhunderten viel Geplapper, fachlich als auch umgangssprachlich.

Da es mir im Rahmen dieses Beitrags nicht möglich ist, Worte ‚Kultur‘ historisch zu behandeln, besonders Samuel Pufendorfs Fassung, die im Kontext von Hobbes’ Naturrechtslehre und unter dem Eindruck des 30jährigen Krieges entstand, wäre als eine entscheidende historische Veränderung zu erörtern, möchte ich mich auf die aktuelle Umgangssprache richten: Kultur steht, wie der redaktionell betreute DUDEN erörtert, als von Menschen Gemachtes einer (mehr oder weniger unberührten) Natur gegenüber. Eine solche Gegenüberstellung von Kultur und Natur ist aus logischer Sicht jedoch nicht möglich. Kultur hätte, wenn sie nicht natürlich wäre, etwas Metaphysisches zu sein, was durchaus nicht haltbar wäre. Umgangssprachlich misslingt nicht nur ein Bezug auf Kultur, sondern auch auf Natur. Eine zentrale Grundlage unserer Zivilisation gerät aus sprachlichen Gründen in Zweifel.

Sonntag, 15. März 2015

Eine Theorie des selektiven Bezugs, Kap. 1 (1.1-1.5)

[Anbei ist das erste Kapitel (1.1-1.5) von "Eine Theorie des selektiven Bezugs" zu finden, in dem es um einen geeigneten Einstieg in das Thema sprachliche Bezüge geht. Primär dient das erste Kapitel der Abgrenzung von Zeichen Symbolen und Namen, um einen Zugang zu Sprache zu erhalten. Ebenso erfährt die Frage nach Angemessenheit eine besondere Berücksichtigung. - Ein nicht geringes Gewicht hat in dem Essay die Auseinandersetzung mit Positionen von Tarski, Quine, Kripke, Putnam. Im weiteren Verlauf werden Fragen nach Wahrheit und Bezug, Bedeutung und Bezug als auch Bezug und Verhalten thematisiert. Selektive Bezüge werden möglich, weil Bezüge, kurz gefasst, nicht einfach gegeben sind, auch nicht in sprachlichen Kontexten. Das Buch ist am 29. Mai 2015 erschienen.]

 

(1.1) Zeichen, Symbole und Worte


Zu voreilig wird ein allgemeiner Ansatz betrieben, zeichen-, symbol- als auch sprachtheoretisch, als ließen sich Vorkommnisse von Zeichen (de Saussure, Peirce), Symbolen (Goodman) und von Worten einer Sprache alle in gleicher Weise erfassen und behandeln. Es mag sein, dass man sich ernsthaft darum bemüht, all die fraglichen Fälle zu berücksichtigen, doch finden sich gerade deshalb erstaunliche Kuriositäten, die in das jeweilige Konzept nicht passen. Deshalb vollziehe ich zu Beginn eine Differenzierung zwischen Zeichen (bzw. Symbolen) und Worten, um mich im weiteren Verlauf der theoretischen Studie auf Worte und Sprache zu konzentieren.

Ich greife ein zeichen- bzw. symboltheoretisches Beispiel auf, das die Schwierigkeit erläutern lässt, der man sich durch ein unangemessenes allgemeines Vorgehen aussetzt: Eine ausgearbeitete Komposition, worauf könnte sie sich beziehen?
Notengrafiken haben durchaus Bedeutungen, sonst wären sie nicht von Musikern und Interessierten lesbar, doch was bezeichnen, symbolisieren sie, oder worauf beziehen sie sich? Faktisch handelt es sich um Anweisungen, die zudem der Interpretation, einer Lesart bedürfen. Würde man - wie Goodman dies z.B. tat - eine ideale Aufführung als Symbolisiertes ausgeben, ließe man die einzubringende Lesart außer Acht, Helge Bol hat darauf hingewiesen (vgl. Bol. Helge, 2014). Und Notenschriften sind keineswegs derart präzise, dass ein Ideal einbeziehbar wäre. Lediglich eine romantische Fassung von Kompositionen kann dem Wunsch nach einem Ideal, jedoch nur im Hinblick auf eine Bedeutung, nachkommen (vgl. ebd.). Sogar wenn Notenschriften so präzise wären wie z.B. Anweisungen, Algorithmen für Computer, auch dann ließe sich fragen, ob ein Bezeichnetes, Symbolisiertes oder ein Bezug auf etwas überhaupt relevant wäre. Es würde nach meinem Ermessen vollkommen ausreichen, dass die Maschine die Bedeutungen der Anweisungen interpretieren und ausführen kann, ohne einen Bezug zu berücksichtigen.

Nicht anders lassen sich mathematische und logische Zeichen fassen. Auch diese haben Bedeutungen, Bezüge sind jedoch nicht erforderlich. Erst wenn man z.B. eine vergleichsweise platonische Metaphysik generieren würde, ließen sich auch Bezüge veranschlagen, auf metaphysische Entitäten. Um jedoch verstehen zu können, um was es bei den Zeichen und ihren relationalen Zusammenhängen geht, kann auf eine Metaphysik leicht verzichtet werden. Durch eine Maßgabe, auch ein Bezeichnetes haben zu müssen, etwas, auf das Bezug genommen wird, ließe sich zwar die Motivation begreiflich machen, als Grund könnte sie jedoch nicht dienen, um die Annahme von Bezeichnetem zu rechtfertigen. Es gäbe freilich viele andere Möglichkeiten für eine Motivation, Metaphysik zu betreiben, sogar eine erwägbare Schönheit, doch dies ist nicht mein Thema.

Ebenfalls wäre es überflüssig, Straßenschildern Bezüge zukommen zu lassen, die Anweisungen geben. Ein Stoppschild weist seiner Bedeutung nach lediglich darauf hin, dass anzuhalten sei, nicht auf ein ideales Vorgehen derjenigen, denen das Schild zugewandt ist. Die Anweisung verstehen zu können, reicht aus, auch wenn man diese unberücksichtigt lässt. In diesem Zusammenhang lässt sich aber auf allgemeinverständliche Weise ein weiter Fall integrieren, durch den nicht Anweisungen gegeben, sondern Möglichkeiten offeriert werden: Ein als Parkplatz ausgewiesener Bereich bietet Abstellmöglichkeiten für Kraftfahrzeuge. Wird der fragliche Bereich eventuell durch das Schild bezeichnet, hat das Schild einen Bezug? Um diese Frage beantworten zu können, ist ein wichtiger Unterschied zu beachten:
Es ist nicht das Schild, das den Bereich abgrenzt, sondern die bauliche Gestaltung des Terrains. Auf was sich das Schild beziehen könnte, ist von dieser Gestaltung abhängig, nicht von der erläuterbaren Bedeutung des Schildes. Diese Bedeutung eröffnet nicht mehr als eine Verhaltensmöglichkeit, ohne auch nur einen Hinweis auf einen Bezug zu enthalten. - Diese Komplexität lässt einen Seitenblick auf Sprache zu: Der Ausruf „Parkplatz!“ eines Beifahres sagt dem Fahrer eventuell wenig, provoziert unter Umständen die Rückfrage: „Wo?“ Auch sprachlich wäre ein Zusammenhang zu berücksichtigen; sprachlich ließe sich, dies macht den entscheidenden Unterschied aus, der Weg zum als auch die Gestalt und der Umfang des Bereichs beschreiben. Eventuell ist innerstädtisch sogar relevant, wie groß die aktuelle Freifläche für den PKW ist bzw. sein könnte. - Das Schild bezieht sich hingegen nicht, sondern bietet pauschal eine Verhaltensmöglichkeit, mehr nicht.

Ein weiterer Fall betrifft Etiketten. Solche sind in der Regel relevanten Gegenständen und Produkten direkt angeheftet, z.B. in Supermärkten. Ein Anheftungsvorgang ließe sich vielleicht am ehesten als Bezeichnung anführen, doch ob auch ein Bezug möglich sein kann, ist separat zu klären. Wenn ein Schild, das ein Parken ermöglicht, keine Informationen darüber enthält, auf was es sich beziehen könnte, ein Bezug unrelevant wird, vielleicht werden Anheftungsvorgänge lediglich vollzogen, um eine Eingrenzung des Geltungsbereichs zu ermöglichen. Etiketten enthalten zwar Angaben, vielleicht sogar in sprachlicher Form, aber keine Informationen über den Geltungsbereich, allenfalls abstrakt durch eine Information über die Füllmenge. Auf was sich die sprachliche Angabe einer Füllmenge aber bezieht, bleibt offen. Anheftungsvorgänge sind zusätzliche praktische Maßnahmen, ähnlich wie die bauliche Gestaltung eines Parkplatzes, die den Etiketten den Geltungsbereich zuweisen. Die Etiketten geben, um Bezug haben zu können, zu wenig preis.

Und wie sieht es mit Abbildungen aus, z.B. künstlerischen, unter der Voraussetzung, dass eine solche Relation im Einzelfall überhaupt relevant ist? Das Problem beginnt bereits mit diesem Begriff. Etwas abzubilden beschreibt bereits eine Relation, eine, die sprachlich nicht, oder, berücksichtigt man konkrete Poesie, kaum vollzogen werden kann. Es ließe sich bestenfalls eine Metapher ‚Bezug‘ einbringen. Diese wird möglich, weil Zeichnungen, Fotografien und Gemälde einen Detailreichtum enthalten können, oder durch Reduktion eine Bedeutung einbringen, wie dies mit Sprache gleichfalls möglich ist, nur auf eine andere Art und Weise.

Schließlich sei eine Metapher angeführt, die ich in einem anderen Kontext analysiert habe (vgl. Pege, Kai, 2014, S. 15 ff.) und die häufig in sprachlichen Zusammenhängen auftaucht: ‚Darstellung‘. Ein Theaterstück kann dargestellt werden, oder ein Dokumentarfilm stellt die Veränderung eines Terrains dar, z.B. die Entwicklung des Dortmunder Phoenix-Sees. Sprachlich lässt sich eine Theorie erläutern, am besten mit Bezug. ‚Darstellung‘ träfe den Sachverhalt hingegen nur indirekt. Auch ‚Darstellung‘ ist wie ‚Abbildung‘ bereits ein relationaler Begriff, der aus anderen Bereichen kommt und dort angemessener aufgehoben ist.

Die gegebenen Erläuterungen, dies war mir besonders wichtig, verzichten darauf, Symbole und Zeichen durch eine sprachliche Vorentscheidung zu interpretieren. Legt man von Beginn an Sprache hinein, lassen sich Symbole und Zeichen nur missverstehen. Fraglos könnten z.B. Ausrufe wie „Parkplatz!“ mit einem Schild verglichen werden, doch Sprache vermag mehr, kann einen Bezug durch Präzisierung entstehen lassen. Eventuell würde praktisch auch ein Fingerzeig genügen, ein außersprachlicher Vorgang, doch dieses Umgangsverhalten änderte an den sprachlichen Möglichkeiten nichts, die Schildern und Etiketten in dieser Weise nicht zukommen.
Gleichfalls habe ich es vermieden, Sprache lediglich aus symbol- oder zeichenähnlichen Worten bestehen zu lassen. Mit einzelnen Worten kann niemand etwas anfangen, es sei denn innerhalb konkreter praktischer Zusammenhänge und dies auch nur im Kontext eines relativ umfangreichen Wortschatzes. Sprache aber kann, dies macht den zentralen Unterschied zu Zeichen und Symbolen aus, Bezüge haben, über etwas Auskunft geben, und dies ohne weitere Hilfsmaßnahmen.


Literatur

*Bol, Helge, 2014, Ein pragmatischer Beginn, in: Diabolus, Essays über Künste, hg. v. K. Talmi, Duisburg (eBook, ePub).
*Pege, Kai, 2014, Analytische Philosophie? in: Analytische Philosophie?, hg. v. K. Pege, Duisburg, S.9-49 (eBook, PDF).

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(1.2) Wie voneinander abgrenzen?


Den Anreiz zu differenzieren, hoffe ich gegeben zu haben, unklar blieb bislang jedoch, ob und gegebenfalls wie Worte von Zeichen (bzw. Symbolen) systematisch abgrenzbar sind.
Goodmans Symboltheorie lasse ich im Fortgang unberücksichtigt, weil sie in vielerlei Hinsicht einen Sonderfall darstellt, der eventuell in einem Kontext über Künste interessieren könnte, doch sogar in diesem Zusammenhang separat zu erörtern wäre: Einige grundsätzliche Schwierigkeiten und Fragen habe ich in einem solchen Kontext formuliert (vgl. Pege, Kai, 2014 (2)), auf eine dezidierte Erörterung jedoch verzichtet.
Als weiteres Problem kann hinzukommen, dass Zeichen, ob als Piktogramme oder abstrakte mathematisch logische Gebilde, sprachlich artikulierbare Bedeutungen haben, historisch aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem Sprachverhalten entstanden sind, wie formalisierte Abkürzungen wirken können, als formale Zeichen jedoch der Sprache entzogen sind.
Emoticons, um noch ein Beispiel zu integrieren, werden zwar innerhalb der Umgangssprache eingesetzt, sie haben Bedeutungen, die sich als emotionale Ausdrücke spezifizieren lassen könnten, verzichtete man darauf, Ausdruck zeichentheoretisch als Extension bzw. Bezug zu fassen, aber keinen Bezug. Ein Emoticon lässt nicht erkennen, weshalb es gesetzt wurde. Ohne sprachliche Erläuterung, die eventuell für sich schon ausreichen würde, den Zustand mitzuteilen, hinge ein Emoticon gleichsam in der Luft oder fungierte lediglich als außersprachlicher Gestenersatz.

Ob und worauf sich sprachliche Äußerungen beziehen, ist abhängig von den Bedeutungen, nicht nur der Worte, sondern des jeweiligen sprachlichen Zusammenhangs. Diese Komplexität im Hinblick auf eine Ein- und Abgrenzung entfällt in der Regel bei Zeichen. Im Fall mathematisch logischer Zeichen gibt es zwar funktionale Differenzierungen und Abhängkeiten, jedoch nicht im Hinblick auf einen Bezug, lediglich auf die nutzbaren bzw. vorliegenden Zeichenfunktionen. Ähnlich, wenn auch weniger abstrakt und viel loser gebunden, geht es bei Straßenschildern zu. Die Farbgestaltung ist z.B. nach Gefahren-, Verbots- und Gebotsschildern sortiert, doch auch bei ihnen spielt Bezug keine erkennbare Rolle, im Vordergrund stehen ebenfalls Funktionen, keine mathematisch logischen, sondern solche eines Verhaltens, die durch die Bedeutungen übermittelt werden. Um den Geltungsbereich - nicht den Bezugsumfang - solcher Schilder einschätzen zu können, ist man jedoch auf zusätzliche Informationen angewiesen, die z.B. durch bauliche Gestaltungen gegeben werden.

Doch auch bei sprachlichen Äußerungen kann eine Frage nach Bezügen berechtigt, eventuell offen bleiben oder bestritten werden. Im Umgang können außersprachliche Faktoren, sowohl hinsichtlich des Verhaltens als auch der Umstände behilflich und entlastend sein.
Relativ hilflos kann man gegenüber Eigennamen bleiben, nicht nur sobald man Telefon- und Adressverzeichnisse oder das Internet einbezieht. Entwicklungen, ob landschaftlich historische, menschliche, tierische, oder Differenzierungen nach Tageszeit (Abend-, Morgenstern) erschwerten in der philosophischen Literatur einen Umgang. Kripe unternahm die Anstrengung, nach Bezügen, nach sogenannten ‚Referenten‘ Ausschau zu halten, um letztlich in einer Namensgebung (Taufe) als dem jeweiligen individuellen Beginn zu landen (vgl. z.B. Kripke, Saul, 2014, S.112), dem Beginn von Kausalketten, die sich aufgrund von Weitergaben eines Namens ergibt. Doch ließen sich Eigenschaftsänderungen bei Sachen und Individuen berücksichtigen? Wäre ein Kleinkind, das einen Namen zugesprochen bekommt, noch dasselbe Lebewesen in späteren Jahren? Wäre man darauf angewiesen, eine abstrakte Entität auszuweisen, die über die Zeit identisch bleibt? Das Modell gibt erstaunlicherweise keine Auskunft. Es ließe sich in Bezug auf Individuen aber eine Ereignisreihe (Lebenslauf) bilden, eine solche Vorgehensweise ist in der Praxis durchaus nicht unüblich, wenn z.B. auf verschiedene Schaffensphasen eines Philosophen Bezug genommen wird. Doch dann wird der Name als solcher relativ unrelevant: er reicht bei weitem nicht aus! Von einem frühen Wittgenstein ist z.B. die Rede, von einem späten.

Fragen lässt sich, was eine Namensgebung (Taufe) mit einem Bezug des Namens zu tun hat. Ein solcher Akt, der eventuell einer Anheftung ähnlich ist, sagt noch gar nichts über einen Bezug aus, auch wenn ein Name durch soziale Umfelder weitergereicht wird. Innerhalb von sozialen Umfeldern handelt es sich zunächst nicht um Eigennamen, sondern um erteilte Rufnamen, die es ermöglichen können, ein Individuum anzusprechen, bei Menschen und Haustieren übrigens in ähnlicher Weise. Dass ein Hund bei der menschlichen Äußerung „Fritz“ aufhorcht, bemerkt, dass er gemeint ist, obgleich er die menschliche Sprache nicht versteht noch spricht, sich also angesprochen fühlt, weil man ihn zuvor über einen Zeitraum auf diesen Lautkomplex konditioniert hat, kann deutlich machen, dass ein praktisch angemessenes Verhalten auch ohne relevante konkrete Sprachkenntnisse möglich ist. Ein Angesprochenwerden und ein Ansprechen von Individuen überfordert Hunde keineswegs. Es handelt sich um rudimentäres Verhalten, das noch gar nichts mit Sprache zu tun haben muss und sich auch deutlich von der menschlichen Sprache abhebt: „Hund“, solange dieser Ausdruck nicht als Rufname etabliert wird, kann, je nach Kontext, ein allgemeines oder konkretes Wort sein. Rufnamen hingegen stehen ausschließlich mit Individuen in Verbindung. Wenn in einer Spielstraße z.B. „Peter“ oder „Mohammed“ erschallt, kann dieser Vorgang zu Verwirrung führen, weil solche Namen in Deutschland nicht selten sind. Quine hat von ‚singulären Termini‘ gesprochen (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1974, S. 262); ich bleibe bei ‚Namen‘, halte aber eine Differenzierung von Ruf- und Eigennamen für empirisch relevant. In diesem Essay bezieht sich ‚Rufnamen‘ auf Lautkomplexe oder Buchstabenfolgen, die es ermöglichen, Individuen anzusprechen und Bedingung für eine Konditionierung sind. ‚Eigennamen‘ sind hingegen das Resultat einer solchen Konditionierung, vielleicht nicht unähnlich einem Brandzeichen, sähe man davon ab, dass solche Zeichen primär massenhaft vergebene Eigentumsmarken anderer sind. Namen müssen sich erst einprägen, bevor sie Eigennamen werden können, für das jeweilige Individuum wie auch für andere, die einem Individuum einen Eigennamen zuerkennen.
Dass Namen Bezug haben, zumindest in den meisten Fällen, wird von Kripke vorausgesetzt, obgleich er etwas kokett fragt, ob überhaupt referiert wird (vgl. Kripke, Saul A., 2014., S.38/39). Kripke erhöht sogar die Namensgebung und Weiterreichung, indem der vergebene Eigenname als starrer Bezeichnungsausdruck (‚regider Designator‘) in allen möglichen Welten Geltung habe (vgl. ebd., S.59). Doch eine Namensgebung ist ein empirischer Vorgang, der durch ein Belieben der Namensgeber geprägt wird und durchaus unterschiedlichen Konventionen und Moden unterworfen sein kann. Nicht Bezug, sondern soziale Geltung scheint mir der relevante Begriff im Hinblick auf Namen zu sein, und zwar in mehrfacher Hinsicht: für diejenigen, die Namen als Rufnamen nutzen und auch als Eigennamen anderer anerkennen, ebenso für die Angesprochenen und die mit oder gar unter einem Namen Agierenden.

Eine Diskussion von Eigennamen verführt dazu, sich auf bekannte Namen zu konzentrieren und eine Gewichtung hineinzulegen, die ihnen gesellschaftlich zukommt. In der Literatur ist z.B. von Aristoteles und Gödel (wie bei Kripke) die Rede, von Beethoven und von Goethe. Wie würden jedoch Fälle zu interpretieren sein, die gesellschaftlich weniger auffällig und im Hinblick auf das Leben von Individuen relativ ereignislos geblieben sind? Möglicherweise ließen sich Weitergaben von Namen verwechseln?
Zu solchen Fällen könnten gesellschaftlich bedingte Namenswechsel gehören: Übernimmt ein Ehepartner bei der Heirat den Namen des anderen, wie dies bei Frauen lange Zeit üblich war, würde sich die Frage nach einem ‚regiden Designator‘ kaum stellen, der über Zeiten und Welten gleich bliebe, es sei denn in satirischer Weise. Vorkommnisse können sogar noch vielfältiger ausfallen, wenn nicht nur zu verschiedene Lebensabschnitten eines Menschen verschiedene Eigennamen treten, sondern auch verschiedene Funktionen einen solchen Eigennamen erhalten. Pseudonyme werden in der Regel in dieser Weise gebraucht, ob unter Schriftstellern, Musikern oder … Die umgangssprachliche Phrase ‚Pseudo-‘ deutet eine gesellschaftlich ideologische Abhängigkeit in Bezug auf Namen an, die primär eine praktisch orientierte ist, in der es um eine, umgangssprachlich formuliert, Identifizierbarkeit von Menschen geht, was immer auch amtlich oder auf der Straße darunter konkret verstanden wird.
Eine Konzentration auf bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hilft nicht weiter, wenn es darum geht, Namen und ihre Verwendung zu erläutern, weil der Bezugsrahmen viel zu klein wäre. Ohne die gesellschaftlichen Vorgänge zu berücksichtigen, die alltäglich sind, blieben die Ansätze eventuell hübsch und nett, doch vor allem unrelevant.

Ich halte es für aussichtlos, Ruf- und Eigennamen in allgemeiner Weise sprachliche Bedeutungen und Bezüge zukommen zu lassen. Man könnte über gesellschaftliche Relevanz und Bekannheit sprechen, der Namen als auch der assoziierten Personen oder Sachen, doch als Bezug würde ich diese möglichen Assoziationen und deren gesellschaftliche Vielheit nicht ausgeben wollen. Eine Frage nach Namen ist nach meinem Ermessen überhaupt keine sprachtheoretische, sondern eine soziologische und psychologische, die z.B. statistisch aufzubereiten wären.
Mir persönlich, dies sei eingestanden, bedeutet ‚Kai Pege‘ bezugsrelevant nichts. Mir kann lediglich deutlich werden, dass ich innerhalb eines konkreten Umfelds angesprochen werde, nicht ein anderer Mensch. Diese differenzierte Ansprechmöglichkeit, vergleichbar mit einem Stupser, ist jedoch primär einem Verhalten zuzuordnen, nicht Sprachlichem.

Mit dem Ausscheiden von Symbolen, Zeichen und Namen als bezugsrelevante Parameter gewinnt die Sprache hinzu. Der praktische Nutzen, eventuell ein poetischer, der allerdings separat zu erläutern wäre, ebenso der theoretische im Fall mathematisch logischer Zeichen, schmälert sich dadurch nicht. Im Hinblick auf sprachliche Bezüge sind Symbole, Zeichen und Namen in der Regel ohne Relevanz.


Literatur

*Kripke, Saul A., 2014, Name und Notwendigkeit, Frankfurt a.M.
*Pege, Kai, 2014 (2), Über Kunst oder Künste, in: Diabolus. Essays über Künste, hg. v. Kathrina Talmi, Duisburg (eBook, ePub).
*Quine, Willard v. Orman, 1974, Grundzüge der Logik, Frankfurt a.M.

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 (1.3) Definite Beschreibungen und Bezüge

Namensgebungen unter Menschen, obgleich sie in kleinen Rahmen gesellschaftliche Ereignisse sind, auch soziologisch untersucht werden können, entziehen sich der gesellschaftlichen Sprache. Gerade weil Namensgebungen im Hinblick auf Menschen überwiegend private Angelegenheiten sind, auch wenn gesellschaftliche Ansprüche und Moden eine gewichtige Rolle spielen, sind sie sprachlich ohne Relevanz.

Dieses Engagement bei Namengebungen kann erläutern helfen, weshalb es schwierig sein kann, Eigennamen gesellschaftlich durchzusetzen, ihnen Geltung zu verschaffen: besonders in religiösen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Es bedarf Kampagnen oder breiter medialer Unterstützung, damit einige Namen in aller Munde landen, ebenso das, womit sie jeweils assoziativ verbunden sein sollen. Sprache ist ein gesellschaftliches Unterfangen. Die Eigennamen fließen durch ein solches Engagement in die Sprache ein, obgleich sie nicht dazugehören.
Vielen Eigennamen ist jedoch eine Abkunft aus der Sprache anzumerken, weil sie, historisch weit zurückliegend, aus beruflichen oder örtlichen Zusammenhängen entstanden sind: ‚Müller‘ z.B., oder ‚von der Mühlen‘. Diese jedoch in einen Zusammenhang mit Individuen zu stellen, waren lokale Hilfskonstrukte, die, je weiter die Zeit und Weitergabe fortschreitete, waghalsiger, durch ein Zusammenwachsen von Orten, Regionen und durch die Verfielfältigung bei der Weitergabe nichtssagender wurden.

Einen weiteren Schritt auf der Suche, was sprachlicher Bezug bedeuten könnte, komme ich vielleicht mit Formulierungen, die aus der philosophischen Tradition als sogenannte Kennzeichnungen bekannt sind, Beschreibungen, die unbestimmt (einer, eine, ein …) oder bestimmt (der, die, das …) sein können: als Beispiele führt Russel u.a. „the present King of France “ an (vgl. Russel, 1905, S.479) und fügt hinzu, dass eine solche Phrase erst eine Bedeutung durch den Kontext erhält (vgl. ebd., S.480).
Eine definite Beschreibung, auch wenn sie einem Individuum zugeordnet ist, lässt sich nicht leichter als ein Eigenname wie z.B. ‚Peter Müller‘ erfassen, doch sie enthält Worte, die zumindest einen Beginn ermöglichen können. Zwar ließe sich auch ‚Peter Müller‘ in einen Kontext stellen, der Eigenname würde selber jedoch kaum etwas zur Auffindung einer bezugsrelevanten Bedeutung beitragen können, weil er gesellschaftlich zu weit zurückreicht, zu unspezifisch, zu unauffällig ist und zusätzlich noch zu häufig vorkommt.
Aber es gibt Eigennamen, die als definite Beschreibungen fungieren können, ‚das Ruhrgebiet‘ ist so eine. Doch es fehlt, um die Unvollständigkeit für einen Bezug hervorzuheben, in dieser sprachlichen Form eine Angabe der relevanten Zeit bzw. der Zeitspanne. Auch wird keine Existenz behauptet, noch eine örtliche Orientierung gegeben, noch eine Eigenschaft angeführt. ‚Das Ruhrgebiet‘ könnte, würde man es bei der Formulierung belassen, falls überhaupt, in einem düsteren Mondkrater liegen und von einer Gesellschaft bewohnt sein, die keinen Weg aus dem Krater findet, ja vielleicht von Seiten der dortigen Politiker und Bürger nicht einmal finden möchte. Soviel über einen möglichen Zusammenhang.
Vom Kontext und Umfeld kann allerdings auch abhängen, wie exzessiv oder / und formalisiert man die Ansprüche an eine ein- und abgrenzende Beschreibung betreiben möchte. Sogar im Hinblick auf Eigennamen. Dass z.B. Bertrand Russel lebte, wann und wo, würde im vorliegenden Kontext allenfalls lustig klingen, nicht nur weil er relativ bekannt ist, sondern weil der vorliegende Kontext ein philosophischer ist, kein biografischer.

Sprachliche Bezüge, ob zur Empirie oder zu empirisch oder logisch mögliche, ja sogar zu empirisch oder logisch unmögliche Welten, allesamt als Bestandteile von Wirklichkeit, sind nicht einfach da, sie müssen erst geschaffen werden. Aus Texten führt kein Fingerzeig hinaus; alles ist sprachlich zu leisten. Ein anfängliches Sprachlernen, das vergleichsweise behavioristisch geschieht, kann, wie Quine hervorhebt, nur demonstrieren, dass ein Kind Gegenstände unterscheidet, jedoch nicht, dass es auch Bezugnahmen versteht (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1976, S.119). Quine ist freilich einseitig auf (Natur-)Wissenschaften ausgerichtet. Doch über Gegenstände zu sprechen, ich spreche im vorliegenden Kontext lieber über Sachen und Sachverhalte, ist weitaus komplizierter, als mit Lautfolgen und Fingerzeigen umzugehen.
Bezüge sind entstanden, sobald deutlich geworden ist, worüber gesprochen wird. Dies gilt für die Wissenschaften und die Philosophie ebenso wie für Poetiken. Die Mittel differieren, eine poetisch imaginäre Welt kann sich von einer empirischen unterscheiden, z.B. wenn Worte in ungewöhnlicher Weise genutzt werden; eventuell wird durch den Einsatz von poetischen Mitteln zunächst nur eine Oberfläche erfahrbar, doch dass diese erfahrbar wird, ist Resultat der Sprache. Ein logisches Kalkül kann hingegen ganz in sich ruhen, völlig bezugslos. Erst im Fall einer Integration von mathematisch logischen Verfahren in einen bezugshaften Kontext, bereits die theoretische Physik nutzt ein solches Vorgehen, werden Aussagen über etwas getroffen, wie z.B. in der allgemeinen Relativitätstheorie.
 
Der Weg von definiten Beschreibungen hin zu Kontexten, durch die erst Bezüge entstehen können, lässt die Frage aufwerfen, wie umfangreich diese sein müssen, damit derartiges geschehen kann. Eine Antwort auf die Frage hängt davon ab, was im jeweiligen Fall vorausgesetzt werden kann. Es eröffnet sich ein pragmatisches Problem, das allgemein gar nicht eingrenzbar und lösbar ist. Eine wissenschaftliche Hypothese kann das Wissen eines gesamten Fachs voraussetzen, Quine spricht in diesem Kontext von wissenschaftlichem Holismus (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1995, S.18 ff.), doch damit nicht genug, manche Probleme lassen sich nur lösen, wenn man über Fächergrenzen hinausschaut. Dies geschieht ohnehin, doch nicht immer zum Vorteil: Die physikalisch orientierte Modellökonomie ist spätestens im Zuge der weltweiten Finanzkrisen ersichtlich an Grenzen gestoßen. Mit ihr lassen sich die Entwicklungen nicht erklären. Und eine pragmatisch durchaus verständliche Abschwächung der Krisen als Sonderfälle, um zu einer sogenannten Normalität zurückkehren zu können, macht fraglich, ob überhaupt ein Interesse an Wissenschaft besteht. Relevante Kontexte reichen aber noch viel weiter: Wissenschaften, Philosophie und Poetik setzen Sprache und ein sprachliches Differenzierungsvermögen voraus.

Quine spricht über Gegenstände, weil die Worte der Sprache überwiegend von Gegenständen handeln. Dies ist leicht nachzuvollziehen, berücksichtigt man die Menge an alltäglichen Dingen, mit denen Menschen umgehen und auf die man sich beziehen kann (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1980, S. 17 ff.).
Es wäre aber zu kurz gefasst, lediglich alltägliche Dinge wie Schreibtisch und Kühlschrank zu berücksichtigen. Auch Abstaktes wie Zahlen, Attribute und Klassen spielen eine Rolle. Deshalb spricht Quine allgemein von einem Sprechen über Gegenstände (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1975, S. 7 ff.).
Von menschlichen Sinnen erfasst werden biologischen Beobachtungen nach jedoch nicht Gegenstände, sondern Qualitäten wie Farben und Klänge (vgl. z.B. Maturana, Humberto R., 1985). Die menschliche Wahrnehmung entsteht erst im Gehirn.
Sprachlich ändert sich dadurch jedoch wenig: dass die menschliche Wahrnehmung von Wahrnehmungsbedingungen abhängig ist, haben bereits Hume und nach ihm auch Kant formuliert. Was außerhalb solcher Bedingungen liegt, ist unzugänglich. Dass zu diesen Bedingungen gehört, neuronal eine äußere Welt in komplexer Weise entstehen zu lassen, ändert zunächst nicht viel, philosophisch betrachtet. Die physiologisch entstehende Innen-Außen-Relation ist ein Produkt des Gehirns, gehört zu den Wahrnehmungsbedingungen. Was außerhalb dieser Bedingungen geschieht, bleibt weiterhin unzugänglich. Doch der biologische als auch neurologische Gewinn ist kaum zu unterschätzen.
Die philosophische Tradition bietet den Grund, weshalb ich eine Formulierung ‚Konstruktivismus‘ für die Philosophie ablehne, es sei denn, man verfolgt eine solipsistische Ausrichtung, in der eine Existenz von Außenwelt bestritten wird oder als erfunden gilt. Mit solchen solipsistischen Einschätzungen würde man sich jedoch außerhalb der Wahrnehmungsbedingungen bewegen. Dass bei Menschen etwas hineingelangt, dass Sinnesreizungen zu beobachten sind, lässt sich kaum leugnen. Und wenn sich ‚Erfindung‘ nicht mehr abgrenzen lässt, weil alles erfunden ist, dann sagt dies Wort nichts mehr aus. Ein solcher Überschwang wäre nicht zu rechtfertigen. Auf eine Diskussion dieser „Kognitionswissenschaft“ (vgl. Schmidt, Siegried, J., 1987, S.13) verzichte ich im vorliegenden Kontext.

Es ist philosophisch nicht unüblich, allgemein von Gegenständen der Wahrnehmung, der Erkenntnis oder der Erfahrung zu reden; Kant hatte dies in exzessiver Weise betrieben. Über Sachen und Sachverhalte zu sprechen, anstatt über Gegenstände, ist ein Resutat sprachlicher Erwägungen. Im Englischen, dessen bin ich mir bewusst, gibt es für diese Worte kaum adäquate Übersetzungen. ‚Sache‘ wird zumeist mit ‚thing‘ (Ding), ‚Sachverhalt‘ mit ‚facts‘ (Fakten, Tatbestand) übertragen. Der Grund ergab sich aus einer speziellen Einbeziehung der deutschen Umgangssprache: Worte ‚Sache‘ sind in dieser allgemeiner als Worte ‚Ding‘ oder ‚Gegenstand‘, die sich in der Regel auf abgrenzbare physikalische Gebilde wie Tisch und Stuhl beziehen können, weniger auf konzeptionelle Gegenstände, ob logische oder poetische. Darüberhinaus weist ‚Sachverhalt‘ auf eine, allerdings unbestimmte, komplexere Gestalt hin; dies kann bei Beschreibungen hilfreich sein. 
Ist man bereit, zu den biologischen Wahrnehmungsbedingungen von Menschen auch die neuronal aufwendig produzierte Innen-Außen-Relation von zu zählen, ohne angeben zu können, was außerhalb dieser geschieht, sind Sachen als auch Sachverhalte nur innerhalb dieser Relation lokalisier- als auch erfassbar. Wie neuronale Prozesse in anderen Tieren vorgehen, ob dort Sinnesreize, wie sie die Biologen beobachten, anders verarbeitet werden, eventuell ohne Produktion einer aufwendigen Innen-Außen-Relation, die man scherzhaft als Heimkino beschreiben könnte, vermag ich nicht zu beurteilen, ist im Kontext dieser Studie jedoch auch nicht erforderlich.

Wie aber wäre eine Reizbedeutung von Worten unter den angeführten physiologischen Bedingungen aufzufassen, die Quine wie eine empirische Absicherung sprachlicher Bedeutungen und Übersetzungen einführt und als eine „Klasse aller Reizeinflüsse“ fasst (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1980, S. 69)? Solange man Reizeinflüsse unter die physiologischen Wahrnehmungsbedingungen stellt, würde sich wenig ändern. Es wäre lediglich darauf hinzuweisen, dass zur Voraussetzung nicht nur Reize, sondern auch eine vergleichbare Reizverarbeitung verschiedener Menschen gehört, damit eine solche Absicherung überhaupt in Erwägung gezogen werden kann. Im experimentellen Beispiel, in dem der Reizbedeutung eine besondere Rolle zukommt, ein aufmerksamer Ethnologe herauszufinden sucht, worauf sich der Lautkomplex ‚Gavagai‘ von Einheimischen bezieht, dient letztlich dieselbe Reizbedeutung als Maßstab (vgl. ebd., S.70). Mit dieser formalen Fassung ist das Übersetzungsproblem jedoch nicht behoben. Quine führt Gründe an, weshalb dieser Behaviorismus scheitert: ob eine identische Reizbedeutung vorliegt, lässt sich im Kommunikationsprozess zwischen Ethnologe und Einheimischen nicht ermitteln, sogar eine Unbestimmtheit bleibt letztlich unzugänglich (vgl. ebd., S.137-147). Sein Urteil fällt in später entstandenen Schriften im Hinblick auf Übersetzungsvorgänge noch düsterer aus: „Es besteht noch nicht einmal Hoffnung, so etwas wie eine Kodifizierung der einschlägigen Prodzeduren erreichen zu können, um dann vielleicht durch Angabe eben dieser Manöver zu definieren, was als Übersetzung zu gelten habe.“ (Ders., 1995, S.67).
Konkret hat ein Forscher bei relevanten Reizen die Möglichkeit, ‚Gavgai?‘ zu fragen, die Einheimischen haben die Möglichkeiten, bejahendende oder verneindende Anworten zu geben. Fehlen relevante Reize, ist die Kommunikation gehemmt (vgl. ders., 1980, S.75). Ich sehe im Folgenden von Reizen als möglichen Hilfen ab, vor allem wegen ihrer allgemein mangelhaften Zugänglichkeit in sprachlichen Situationen, fragen lässt sich aber, wie Bedeutungen und Bezüge zusammenhängen.


Literatur

*Maturana, Humberto R., 1985, Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig, Wiesbaden.
*Quine, Willard v. Orman, 1975, Das Sprechen über Gegenstände, in: Ontologische Relativität und andere Schriften, Stuttgart, S.7-40.
*Quine, Willard v. Orman, 1976, Die Wurzeln der Referenz, Frankfurt a.M.
*Quine, Willard v. Orman, 1980, Wort und Gegenstand, Stuttgart.
*Quine, Willard v. Orman, 1995, Unterwegs zur Wahrheit, Paderborn.
*Russel, Bertrand, 1905, On Denoting, in: Mind 14, S.479-493.
*Schmidt, Siegried, J., 1987, Der radikale Konstruktivismus: Ein neues Paradigma im interdisziplinären Diskurs, in: Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus, hg. v. dems., Frankfurt a.M., S. 11-131.

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(1.4) Über etwas sprechen



Kripke richtete sich mit seinem Tauf-Ansatz gegen Bündel-Theorien von Bedeutungen, in denen Namen als Bedeutungen die sprachlich erfassten Eigenschaften ihrer Träger erhalten. Ohne auf seine Kritik einzugehen: Dass ein zeitgenössischer Name wie ‚Peter Müller‘ der Lautgestalt nach nichts Relevantes preisgibt, nichts bedeutet, wird rasch einsichtig sein. Um überhaupt an Bedeutungen zu kommen, verweist innerhalb von Bündel-Theorien ein Tragen eines Namens auf das Vorliegen eines Bezugs. Erst über einen solchen konstruierten Bezug kommt man innerhalb einer Bündel-Theorie überhaupt an Bedeutungen heran. Dieses Vorgehen kann man als ein empirisches Nachhelfen erläutern, Bezüge und Bedeutungen werden hineininterpretiert, die Besonderheit von Namen nicht beachtet.
Da aber Kripke im Rahmen seines Tauf-Ansatzes zumindest auf Bezüge angewiesen ist, kann auch sein Ansatz in Frage gestellt werden. Auch Kripke hätte, um zu erläutern, auf welchen Peter (oder welche Margaret, um ein Beispiel anzuführen, das Kripke nutzt) er sich bezieht, Eigenschaften, Umstände anzuführen, auch wenn er diese Erläuterungen nicht als Bedeutungen, sondern als Erläuterungen der Referenz, des Bezugs ausweist (vgl. Kripke, Saul, 2014, S.123). Würde man nun Fragen, was sprachliche Bedeutungen in relevanten konkreten Fällen anderes sein könnten als Erläuterungen von Bezügen, fiele mir nichts ein. Kripke fügt den Bündel-Theorien lediglich den Tauf-Ansatz hinzu, ohne dies explizit zu machen.
Die Besonderheit von Namen wie ‚Peter Müller‘ ist, dass sie gar nicht der Sprache angehören, auch wenn die Ausdrücke aus der Sprache stammen, sondern einem Verhalten. Auch ein Hund könnte, würde man ihn darauf abrichten, auf ‚Peter Müller‘ hören, ohne Kenntnisse über menschliche Sprache zu haben. Ein menschliches Namengeben ist im Hinblick auf Lebewesen, die damit etwas anfangen können, derart rudimentär, dass sich eine Frage nach Sprache gar nicht stellt. Dennoch lassen sich Namen so nutzen, als hätten sie Bezug. In einem solchen Fall würde sich jedoch auch die Frage nach sprachlicher Bedeutung stellen, die der jeweilige Name als solcher nicht hat, auch wenn sich historisch linguistische Forschungen anstellen ließen. - Ob die Ergebnisse solcher Forschungen Auskünfte über einen Namensträger geben könnten, wäre jedoch allenfalls familiengeschichtlich nicht unerheblich, oder im Kontext von Belletristik, in der Namen mehr oder weniger indirekt als Beschreibungen der Träger fungieren können. -
Erkennbar werden kann, dass sprachliche Bedeutungen und Bezüge voneinander abhängig sind. Für ein Namengeben im Hinblick auf Lebewesen reicht hingegen ein Abrichten vollkommen aus, es entstehen sogar Schwierigkeiten, wollte man Bedeutungen und / oder Bezüge ermitteln, Probleme, die erst aus der Sprache entstehen, sich innerhalb von bloßem Verhalten aber gar nicht stellen.
Sprachliche Bedeutungen, darauf sei noch separat hingewiesen, haben mit umgangssprachlich veranschlagbaren Bedeutung von Sachen oder Sachverhalten, zu denen auch ein Verhalten zählen kann, nichts zu tun, für die man besser Worte wie ‚Relevanz‘ nutzen könnte. Ein Namengeben, um die spezielle Relevanz hervorzuheben, ermöglicht vor allem, jemanden anzusprechen.

Die Abhängigkeit von Bedeutungen und Bezügen ist eine sprachliche Besonderheit, die es erlaubt, in Erfahrung zu bringen, worüber jemand spricht oder sprechen könnte. Den Ausgang bei einem Verstehen bilden häufig die Bedeutungen, würde dennoch unklar bleiben, worüber gesprochen wird, wären alle Anstrengungen umsonst gewesen.
Die Sachen bzw. Sachverhalte, auf die Bezug genommen und über die etwas ausgesagt wird, sind sprachlich von Relevanz. Auf sie ließe sich nicht verzichten, auch wenn man der Ansicht ist, dass sie erkenntnistheoretisch nur Produkte des Gehirns sind. Niemand hat die Chance, außerhalb solcher präsentierten Wirklichkeitszeiträume zu stehen, es bliebe lediglich die Möglichkeit, sich auf diese einzulassen. Würde man sich hingegen weigern, wie dies z.B. Glasersfeld als radikaler Konstruktivist tat (vgl. Glasersfeld, v., Ernst, 1987), blieben lediglich Bedeutungen und Kommunikation übrig. Die wichtigste Funktion von Sprache würde verlorengehen: über etwas sprechen und gegebenenfalls über etwas schreiben, etwas erkennen zu können, auch wenn dies nur innerhalb der Erkenntnisbedingungen möglich ist. Alternativ ließe sich allenfalls über wahrgenommene Qualitäten (Farben, Klänge usw.) sprechen, doch dafür liegt (a) keine Sprache vor, (b) müsste das Hirn zumindest partiell abgeschaltet werden.
Die Differenz von Sprache und dem, worauf Bezug genommen wird, lässt sich auch nicht einfach unterlaufen. Einige analytisch geschulte Theoretiker (wie z.B. Goodman, Kripke) erläutern ‚Bezug‘ mit Formulierungen wie ‚für etwas stehen‘. Doch genau dies ist unmöglich: Ob Zeichen, Symbole, Namen oder Worte, nichts davon kann für Sachen oder Sachverhalte stehen, sie gegebenfalls ersetzen. Dazu bedürfte es einer Zauberei, in der z.B. Stoffpuppen mit Nadeln bestochen werden, die für jemanden stehen, dem nicht nur alles Schlechte gewünscht wird, dieser Wunsch wird mit einer analogen Handlung nachdrücklich bestärkt! Die Formulierung ‚für etwas stehen‘ gehört zu den missverständlichsten Erläuterungen, die sich mit Bezug auf sprachliche Bezüge geben lassen.

Alle möglichen Hindernisse sind aber längst nicht ausgeräumt, noch wären sie zu beseitigen: eine Sprache ist kein System, sondern ein Sammelsurium von Worten, semantischen und syntaktischen Konventionen als auch Kreationen; letztere verweisen z.B. auf Jugendsprachen, Fachsprachen, Belletristik oder Politik, in denen auch sprachbildende Prozesse zum Alltag gehören. Umgangssprachlich sind besonders Metaphernbildungen zu berücksichtigen, zu den neueren gehören z.B. ‚Evolution‘ (vgl. Matern, Reinhard, 2014). Ich kenne niemanden, dem ich einen Gesamtüberblick über das gesellschaftliche bzw. sprachgemeinschaftlich Tun auch nur in einer Sprache ansatzweise zutrauen würde. Auseinandersetzungen und Gruppenbildungen sind unausweichlich. Sie reichen bis zu Abschottungen, die speziell in der analytischen Philosophie dazu führten, sich primär mit wissenschaftsrelevanten Fragen auseinanderzusetzen, weil genau jene von Konstruktivisten in der Theorie präferierte Kommunikation allgemein fast nicht oder nur sehr, sehr eingeschränkt möglich ist.
Innergesellschaftlich ist man darauf angewiesen, sich unterschiedliche sprachliche Ausprägungen anzueignen, um den verschiedenen Situationen gewachsen zu sein, in die man geraten kann, ob im Zusammenhang mit ‚Sprache‘, ‚Evolution‘, ‚Kultur‘ oder ‚Natur‘. Es wäre überhaupt nicht verwunderlich, gesellschaftliche Bereiche ausfindig zu machen, in denen Zuhörern kaum mehr als ein Kopfschütteln bleibt.

Es hat innerhalb der vergangenen Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum Wissenschaftler und Philosophen gegeben, die nicht über ein Thema sprachen, sondern etwas zu einem Thema zu sagen hatten. Der Unterschied lässt sich klarer erkennen, wenn man beispielhaft konkret wird: nicht über ein Klavier wurde gesprochen, sondern zu einem Klavier. Auf eine persönliche Ansprache („Mein liebes Klavier, wie du vielleicht ahnst …“) wurde zwar verzichtet, Ansprechpartner blieben in der Regel Kollegen, aber in die Sprache war eine Herrschaftsannahme geraten, die über Soziales durchaus diskutierbar wäre, im Hinblick auf sprachliche Eigenschaften jedoch unangemessen war und ist. Eine neuerliche Vermischung von sprachlichen und sozialen Relation ist in den Schriften von Derrida und seinen Nachfolgern (vgl. z.B. Culler, Jonathan, 1999) auszumachen. Um es zu betonen: Sprache tut der Wirklichkeit nichts an, sie kann unzureichend sein, in Einzelfällen, sogar in vielen, bezieht man umgangssprachliche Phrasen wie ‚Evolution‘, ‚Kultur‘ oder ‚Natur‘ ein, unangemessen, Sprache kann auch einen Einfluss darauf haben, was von Menschen überhaupt in Erwägung gezogen wird, dennoch wären sprachliche und soziale Relationen zu differenzieren. Eine Vermischung verweist auf eine mangelhafte Unterscheidung von Sprache und Sachen bzw. Sachverhalten. Ein sprachliches und ein soziales ‚Über‘ sind also auseinanderzuhalten, obgleich die Wortlaute identisch sind.



Literatur

*Culler, Jonathan, 1999, Dekonstruktion, Reinbek b. Hamburg.
*Glasersfeld, v., Ernst, 1987, Wissen, Sprache und Wirklichkeit, Braunschweig / Wiesbaden.
*Kripke, Saul, 2014, Name und Notwendigkeit, Frankfurt a.M.
*Matern, Reinhard, 2014, Evolution und Vergeblichkeit, in: ders., Wie wärs mit einer Revolution? Duisburg (eBook, ePub).

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(1.5) Wirklichkeit und sprachliche Angemessenheit


Luhmann hatte einen allgemeinen Systembegriff entwickelt, der lediglich Sinn voraussetzt, Bedeutung, irgendeine Ordnung (vgl. Luhmann, 1987). In diesem Kontext wäre auch ein Sammelsurium eine Ordnung, die sich hinsichtlich von Funktionszusammenhängen analysieren ließe.
Doch die Vokabeln ‚Sinn‘ und ‚Bedeutung‘ ließen sich allgemein gar nicht verstehen, berücksichtigte man den einfachen Unterschied von Sprache und Sachen bzw. Sachverhalten. Würde man sich hingegen auf Sachen und Sachverhalte beschränken, könnte allenfalls von ‚Relevanz‘ die Rede sein, ohne dass klar werden könnte, in welcher Weise. ‚Ordnung‘ wird (a) zunächst derart weit gefasst, dass der Begriff nichts aussagt, (b) dann aber spezifisch, im Kontext von zu ermittelnden Funktionszusammenhängen. Der von Luhmann präsentierte Systembegriff bietet nicht mehr als eine umgangssprachliche Herangehensweise, die alles andere als hilfreich ist, aber im Hinblick auf den Begriff ‚Ordnung‘ ein primär bürokratisches Anliegen kenntlich machen könnte. Das von mir anführte Sammelsurium ist hingegen ein Resultat historischer Prozesse, von Prozessen, die von unterschiedlichen Gruppen und Individuen geprägt wurden. Diese historische Perspektive vermeidet eine quasi-ontologische Fundierung, die aus ahistorischer Sicht erforderlich zu sein scheint, um überhaupt einen Anfang der Diskussion setzen zu können. Es bleibt nach meinem Ermessen kaum anderes übrig, als sich auf ein Abenteuer einzulassen, das ein historisch entstandenes Sammelsurium bieten kann.

Sprachlich macht es kaum einen Unterschied, ob ein historisch entstandenes Sammelsurium einer Wirklichkeit - im Rahmen menschlicher Erkenntnisbedingungen -, oder einer unabhängigen Realität zugerechnet wird. Die nutzbaren Worte für Beschreibung, Differenzierung und Analyse wären gleich. Erst im Kontext einiger methodischer Begriffe wie ‚Objektivität‘ und einer erkenntnistheoretischen Interpretation von historischen Ergebnissen würde der Unterschied auffallen können.
Weil methodische Erwägungen auch in dieser Arbeit von Relevanz sind, gebe ich einige Anmerkungen: Mir, so muss ich gestehen, bleibt eine Realität, die außerhalb meiner Erkenntnisbedingungen liegt, unzugänglich. Diese Bedingungen umfassen mehr als lediglich biologische, auch sprachliche und soziale, die historisch eingebettet sind. Die alte Frage nach Objektivität, in Abgrenzung zu Subjektivität, würde sich mir gar nicht stellen können, weil sie besonders auf historische Bedingungen keine hinreichende Rücksicht nimmt. Ich kann im vorliegenden Kontext lediglich nach sprachlicher Angemessenheit fragen, im Hinblick auf Bedeutung und Bezug - und, davon war bislang noch nicht die Rede, dies wird innerhalb der Studie aber erforderlich sein, auf sprachliches Verhalten. Eine allgemein reproduzierbare Methode lässt sich auf diese Weise nicht entwickeln, es lassen sich nur konkrete Fälle kontextabhängig behandeln.

Die Grenzen menschlicher Erkenntnis lassen sich erweitern, z.B. durch Messinstrumente und -verfahren, oder / und durch sprachliche Differenzierungen, die Unterschiede merklich machen können, einen größeren Detailreichtum erfassen helfen, oder Differenzierungen als unangemessene verwerfen. Doch Grenzen bleiben, sie lassen sich allenfalls verschieben. Ein Beispiel der Begrenztheit bietet aktuell die Physik. Die hypothetisch angenommene, im Kosmos nur indirekt bemerkbare dunkle Materie, ist etwas völlig Unbekanntes. Sie wurde als ‚dunkel‘ beschrieben, nicht weil sie dunkel wäre, entfernt vergleichbar mit einer düsteren Gewitterwolke, sondern aus Verlegenheit. Die dunkle Materie reflektiert kein Licht, es scheint durch sie hindurch, bleibt für menschliche Sinne und von Menschen gefertigte Instrumente unsichtbar. Eine Annahme einer solchen Materie wurde gemacht, weil sich messbare Gravitationskräfte im Rahmen des kosmologischen Standardmodells nicht erläutern ließen; das Standardmodell umfasst u.a. die allgemeinen Relativitätstheorie, die Annahmen über Gravitation enthält. Unzureichend kann allerdings auch das bisherige Standardmodell sein. (Vgl. Bührke, Thomas, 2012.) Unabhängig davon, wie sich die entstandenen Irritationen auflösen lassen, falls sie sich auflösen lassen, welche Annahmen und Bezüge nicht bloß mögliche bleiben, die physikalische Sicht auf den Kosmos wird sich verändern. Berücksichtigt man jedoch, wie lange über die sonderbaren Gravitationskräfte geforscht wird, bereits in den Dreißiger Jahren des 20. Jhds. fielen dem Schweizer Astronom Fritz Zwicky unerklärbare Bewegungen im Kosmos auf (vgl. Lindner, Manfred; Marrodán Undagoitia, Teresa; Schwetz-Mangold, Thomas; Simgen, Hardy, 2014), wird ersichtlich, welche historischen Ausmaße eine Ungewissheit erlangen kann, die bis in die Grundlagen reicht.

Vielleicht klingt es manchem verrückt, mich sprachlich auf Erzeugnisse meines Gehirns beziehen zu müsse, die als solche anderen nicht zugänglich sind, und nach Angemessenheit zu fragen. Dieser vergleichsweise autistische Vorgang kann jedoch in jedem Menschen geschehen. Hinzukommt, dass ich diese Erzeugnisse nicht konstruiere, nur wenig direkten Einfluss darauf habe, was mir mein Gehirn präsentiert. Dieses Gehirn nutzt vor allem entstandene Routinen, die sich im Hinblick auf neue Sitationen auch als angesammelte Vorurteile interpretieren ließen. Nach sprachlicher Angemessenheit zu fragen, gönnt dem Automatismus eine Pause. Doch auch diese Frage und die bisherigen Antworten können in einen Automatismus gelangen, der auf relevante Bedingungen und Details keine Rücksicht mehr nimmt. Sicherheit in Erkenntnisprozessen zu erlangen, wäre etwas anderes. Es würde auch nicht ausreichen, auf Zustimmung zu hoffen. Die beschriebene Unsicherheit gälte für alle Ansprechbaren gleichermaßen. Doch obwohl keine Sicherheit erlangbar, meine Freiheit unter Einbezug aktiver Hirnroutinen beschränkt ist, eröffnet sich eine Möglichkeit zur Autonomie (vgl. Roth, Gerhard, 2001, S. 427 ff.).


Literatur

*Bührke, Thomas, 2012, Die Jagd nach dem Unsichtbaren, in: Max Plank Forschung, 4/2012, S. 34-41.
*Lindner, Manfred; Marrodán Undagoitia, Teresa; Schwetz-Mangold, Thomas; Simgen, Hardy, 2014, Dunkle Materie - Dark matter, Forschungsbericht 2014 - Max-Planck-Institut für Kernphysik, Heidelberg.
*Luhmann, Niklas, 1987, Soziale Systeme: Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main.
*Roth, Gerhard, 2001, Denken, Fühlen, Handeln, Frankfurt a.M.

Sonntag, 21. September 2014

Über Kunst oder Künste?

I

Die Frage des Essays lautet, ob allgemein über Kunst gesprochen werden kann, oder ob man sich mit einer Sammlung, mit Künsten zufriedengeben muss, die ein einheitliches Vorgehen nicht erlauben. Einbezogen werden Theorien, die von Bense, von Gustaffson und von Goodman stammen. Die ersten beiden Theorien sind explizit zeichentheoretisch ausgerichtet, die ditte symboltheoretisch. Eine Lösung des Problems bietet keine der aufgegriffenen Erläuterungen, aber die Schwierigkeiten verfolgen zu können, ist eventuell schon ein Gewinn.

Bense hat in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen kommunikations­wissenschaftlichen Ansatz über Kunst vorgelegt. Sein Bei­trag ist ein Dokument einer theoretischen Umorientie­rung. Adornos oft diskutierte „Ästhetische Theo­rie“ (Adorno, Th. W., 1973) ist der hegelschen Philoso­phie ver­pflichtet; Bense findet einen Ansatz unter Be­rücksichtigung der mathematischen Informationstheorie (vgl. Bense, M., 1979, S.332). Die knappe Anführung von Adornos Theorie hat einen weiteren Grund. Benses Theorie wird ebenfalls als ästhetische ausgegeben, ist betitelt mit „Ästhetische Kommunikation“.

Grundlage von Benses Ansatz sind seine Aussagen über Zeichen, aus denen Informationen gebildet werden: „Alle zur Herstellung eines Kunstwerks verwendeten Ele­men­te wie Töne, Farben, Wörter, Kontraste, Linien, Formen, Modulationen usw. sind als ‚Zeichen‘ zu ver­stehen.“ (Ebd., S.335.) Es handelt sich um die physika­lischen Zustände von Kunstwerken (vgl. ebd., S.334).
Als zweite Klasse von Zuständen führt Bense konven­tionelle semantische an; diese werden von den physika­li­schen realisiert (vgl. ebd.). In dem Fall sprachlicher Kunst­werke bedeuten Laute Wörter, letztere beziehen sich auf Dinge (vgl. ebd.), wobei unklar bleibt, was unter Bezug verstanden wird. Allgemein differenziert Bense in drei Rea­lisierungsfunktionen: der „repräsentierenden (abbilden­den), präsentierenden (zeigenden) und konstruktiven (auf­bauen­den)“ (vgl. ebd., S.336).
Drittens führt er ästhetische Zustände an, die sich so­wohl auf physikalische als auch auf semantische beziehen können (vgl. ebd., S.334). Bense kreiert weitere Diktionen: ästhetische Zustände werden durch physikalische und se­man­tische getragen oder durch diese konstituiert; physi­kalische Zustände liegen stets vor, nicht immer relevante semantische wie bei einigen modernen Kunstwerken (vgl. ebd., S.333, 334). Ein möglicher ästhetischer Zustand wäre beispielsweise die Schönheit eines Kunstwerkes (vgl. ebd., S.333).

Es kann die Frage aufkommen, ob einige moderne Kunst­­werke, die keine Bedeutungen, keine semantischen Zu­stände haben, dennoch aus physikalischen Zeichen be­stehen? Der allgemein kommunikationswissenschaftliche An­­satz steht oder fällt mit der Antwort. Bense lässt die „gesamte kommunikative Seite der Kunst (...) durch die semiotische Möglichkeit ihrer Elemente“ garan­tieren (vgl. ebd., S.336). Das Wort Möglichkeit ist jedoch unangemessen gewählt: entweder gibt es Kunstwerke, bei denen semantische Zustände ohne Relevanz sind, dann ist auch die Möglichkeit, semantische Zustände zu bilden, ohne allge­meine Relevanz, oder es gibt Kunstwerke, die zwar den Künstlern nach keine, aber dem Kunsttheoretiker nach se­mantische Zustände haben. Wendet man sich den semiotischen Möglichkeiten zu, Bense differenziert in die Funktionen Repräsentation, Prä­sen­tation und Konstruktion, dann ist nicht erkennbar, dass z.B. Sprache miterfasst wird. Bense erläutert das Wort Repräsentation mit dem Wort Abbildung. Worte bilden aber, allgemein gesehen, nichts ab. Zwar können Worte z.B. in Form eines Kreuzes angeordnet werden, eventuell ist auch eindeutig, um was für einen konkreten Gegenstand es sich handelt, damit von Abbildung die Rede sein kann, doch in Bezug auf Sprache ist diese grafische Funktion unerheblich. Es gibt eine zweite Möglichkeit von Abbildungen. Auf die grafische Funktion kann verzichtet werden, allein die Frage, ob Isomorphie vorliege, Ein-Eindeutigkeit, wäre dann noch von Rele­vanz. Ist in Bezug auf Kunstwerke eine ein-eindeutige Relation von Worten zu Gegenständen gegeben, gleich­gültig ob es sich um empirische, imaginäre, traumatische oder metaphysische Gegenstände handelt? Eine inständige Beteuerung dessen würde nicht ausreichen, auch nicht eine mehr oder weniger wahrscheinliche Einschätzung eines Kritikers. Wer könnte z.B. in Bezug auf Gedichte von Trakl isomorphe Strukturen belegen?
Sieht man von der Erläuterung ‚Abbildung‘ ab, ist zu fragen, was vom Wort Repräsentation zu halten ist. Kann ein Wort einen Gegenstand repräsentieren, für diesen stehen, kann ein Wort z.B. eine Person, in welcher Weise auch immer, ersetzten? Worte präsentieren auch nichts Außersprachliches, zeigen nichts, stellen nichts dar, was jenseits von Sprache liegt. Nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz von For­mulierungen könnte eventuell aufgrund von Lautstrukturen als nachahmende Dar­stellungen von Gegenständlichem dienen. Dass be­sonders Gedichte zu relevanten Äußerungen verlei­ten können, ließe sich mit der Angabe von Stimulationen aufgrund der Wortwahl und mit Imaginationen von Lesern erklären. Worte stehen zu Gegenständen in keinem relevanten Verhältnis, es sei denn man versteht unter der Bezeichnung Semantik Bildliches, das Lesern in­nerlich erscheint bzw. hochkommt. Die konstruktive Funk­tion ließe sich in ähnlicher Weise interpretieren.
Bense öffnet tatsächlich die Erlebniswelt und führt sogar eine veränderte Diktion ein: „Die Entstehung dessen, was wir in der künstlerischen Produktion ein ‚Bild‘ oder einen ‚Text’ (...) nennen, ist in jedem Fall an die Möglichkeit gebunden, physikalische Ordnungen materialer ‚Signale‘ als ästhetische Ordnungen immaterieller ‚Zeichen‘ einzu­führen.“ (Ebd.) Dieser Formulierung nach besteht die Semantik aus men­talen Zeichen; Worte, Farben, Töne usw., also die Bestandteile von Kunstwerken, fungieren als Signale. Nicht mehr die Kunstwerke sind, das innere Erleben vor diesen steht jetzt Zentrum der kom­munikativen Funktion von Kunst. Die Kunstwerke dienen nur noch der Artikulation von innerlich Erlebtem.
Kunstwissenschaftlich ist das private Erleben des For­schers freilich ohne Belang. Eine allgemeine Theorie über Erleben vor, eventuell Erleben von Kunst dürfte in den Bereich kunstpsychologischer Erörterungen fallen. Anhand seiner kommunikativ se­man­tischen Realisierungsfunktionen, der Repräsentation (Ab­bil­dung), der Präsentation (Zeigen), der Konstruktion (Aufbau) ist bemerkenswert, dass besonders Sprache keinerlei relevante Berücksichtigung erfährt. Ausdehnen ließe sich die Kritik mit der Erörterung des fehlenden Bezugs auf Musik. Was wäre, sieht man von Programmusik ab, als Abge­bildetes, als Gezeigtes, als Konstruiertes seman­tisch in den Musikwissenschaften von Belang, was nicht die Musik selber wäre? Hat z.B. eine musikalische Reihe und ihr Krebs eine Reihe und ihr Krebs zu bedeuten, damit klar wird, sie eine Reihe und ihr Krebs ist? In Bezug auf darstellende Künste wären Worte wie abbilden, zeigen und konstruieren vielleicht eher angebracht, wenngleich äußerst selektiv, zudem: kaum in der kommunikativ mentalistischen Variante von Bense.

An dieser Stelle ist es möglich den Begriff ‚ästhetische Information‘ anzuführen, der die Grundlage für die Probleme bildet. Die Abbildungsfunktion ist eine ästhe­tische Information und zwar eine Information eines Kunst­werkes wie auch eine über ein Kunstwerk, also die eines Betrachters. Von hier aus lassen sich innere Erlebniswelt und äußere Gegenstandswelt, soweit es sich um ästhetische In­formationen handelt, nicht mehr differenzieren. Ähn­li­ches trifft auf Gegenstand und Wort zu: als Information des Gegenstandes und als eine des Erlebenden bleibt eine Diffe­renzierung weitgehend unberücksichtigt.

II

Gustafsson, schwedischer Schriftsteller, hat in seiner Habilitation einen analytischen Ansatz vorgelegt, der zugleich ein allgemein zeichentheoretischer ist. Doch gibt dieser ihm die Möglichkeit, auch auf Kunstgegenstände Bezug zu nehmen? Wenn Gustafssons Ansatz, er selber spricht von „Vorarbeiten“ (Gustaffson, L., 1980, S. 241ff.), die Grundlage für eine allgemeine Zeichentheorie bildet, dann hätte man eventuell auch eine theoretische Basis, um allgemein über Kunst sprechen zu können.
Konträr zu Bense, der seine Theorie im Rahmen einer Kommunikationswissenschaft vorstellt, seine Theorie als wis­senschaftliche verstanden wissen will, nimmt der Schrift­steller Gustafsson seine Resultate zurück: seine Aus­sagen liegen zwar im Bereich wissenschaftlicher Philoso­phie, sind als Vorarbeiten jedoch mit Vorsicht zu genießen. Für diese müssen freilich die selben Kriterien gelten, wie für eine ausführlich entwickelte Theorie.

Gustafsson untersucht verschiedene Repräsentationen, Abbildungen, so die eingesteckten Steinchen eines Jungen in Relation zu passierten Fahrzeugen, den Streckenfahrplan einer U-Bahn in Relation zum Streckennetz, Bilder von Rembrandt und Delacroix. Er kommt zu dem Resultat, dass es verschiedene Abbildungen geben kann, isomorphe (ein-eindeutige) wie im Fall der Steinchen und Fahrzeuge und im Fall des Streckenfahrplans, oder, wie im Fall der Kunst­werke, eine komplexere Regel. Wichtig sei, dass man die je­weilige Regel finde, mit der abgebildet werde. Generell ist Gustafsson der Ansicht, dass Elemente der Wirklichkeit abgebildet werden (vgl. ebd., S.241-243). In Bezug auf Steinchen/Fahrzeuge und Plan/Strecke ließe sich eine solche Auffassung vertreten, wie sieht es aber in den Fällen von Kunstwerken aus?

Im Fall eines Bildes von Delacroix fällt das Wort „nachahmen“ (vgl. ebd., S.243). Es wird vorausgesetzt, dass etwas sei, etwas Bestimmtes, das abgebildet wird. Nichts wird hinzugefügt, was keine Entsprechung hätte. Der Hilfs­gegenstand dient nicht zur Inspiration, lediglich als Vorlage. Freilich nur dann, wenn die Regel von dem Nachahmer konsequent verfolgt wird, wie Gustafsson voraussetzt (vgl. ebd., S.242). Wäre es im Hinblick auf eine Nachahmung angemessen, wenn man z.B. erläuterte, dass zwar alle Gesichtsteile eines bestimmten Man­nes in einem Bild dargestellt würden, die gemalte Warze aber eine Darstellung eines Gegenstandes ist, der einer Frau zugehört, die während des Malvorganges nicht anwesend war? Wie verhielte es sich, wenn eine Zu­ordnung der gemalten Warze konkret nicht möglich wäre, wenn nicht klar wäre, dass ein Gegenstand der Em­pirie zur Darstellung gelangt ist?
Die Steinchen, die Zeichen des Jungen bilden situa­tions­bedingt ein-eindeutig passierte Fahrzeuge ab: ein Fahr­zeug / ein Steinchen, eine der Taschen / vormittags. Gustafsson be­schreibt mit dieser Abbildungsregel zugleich eine Relation der Zeichen zur Wirklichkeit. In den Fällen der Kunstwerke sei es komplexer, würden seiner allge­meinen Fassung nach Elemente in eine andere hinein ab­gebildet (vgl. ebd., S.242/ 243). Diese allgemeine Beschrei­bung von Malvor­gängen mit verschiedenen Farb- und Material­schichten ist als Beschrei­bung einer Relation zur Wirklichkeit jedoch un­erheblich, weil diese Schichten kaum differenzierbar sind, im Unterschied zu den verschiedenen Taschen; aus diesem Kontext ließe sich aber indirekt entnehmen, dass auch bei Gemälden grundsätzlich eine ein-eindeutige Abbil­dung vorausgesetzt wird. Gustafsson übersieht, dass Gemälde vielfach auf die Verschmelzung von verschiedenen Schichten ausgerichtet sind, nicht auf deren Betonung.
Die Erörterungen von nicht-sprachlichen Abbildungen nehmen in Gustafssons Untersuchung jedoch einen gerin­gen Umfang ein, diese bleiben zudem relativ oberflächlich. Pri­mär analysiert er sprachliche Vorkommnisse. Für die Beurteilung seiner Theorie ist die Diskussion über nicht sprachliche Abbildungen, die oben geführt wurde, allerdings erforderlich.

Die folgende Be­schäftigung mit seinen Aussagen über Sprache betrifft so­wohl verschiedene Ausrichtungen innerhalb der Philoso­phie, wissenschaftlich orientierte und andere, als auch Belle­tristik. Inwieweit auf Umgangssprachen Bezug genommen wird, bleibt offen. Gustafsson greift auf die Sprachphilosophie vom jun­gen Wittgenstein, auf den „Tractatus logico-philosophicus“ zurück, allerdings nur in einem äußerst begrenzten Umfang (vgl. Gustafsson, L., 1980, S.248ff.). Zum Verständnis der hier relevanten Aussagen muss auf Wittgensteins Theorie nicht dezidiert eingegangen werden. Die Annahme isomorpher Strukturen in Bezug auf Sprache und Empirie ist dann möglich, wenn es sich um Sprachen handelt, die eindeutig sind. So kann es bei­spielsweise in deskriptiven Statistiken Ein-Eindeutigkeit ge­ben. Die erste Frage, die sich stellt, ist: wie verhält es sich mit nicht exakten, wenngleich hoch differenzierten belle­tristischen Sprachen? Gustafsson führt in Bezug auf Schrif­ten von Nietzsche eine heranziehbare Diskussion.

Von ihm angeführte Argumente sprechen gegen iso­morphe Strukturen. „Wenn man mit Unbestimmtheit die normale Unbestimmtheit meint (...), dann dürfte man bei Nietzsche keine Schwierigkeit haben, unbestimmte Sätze zu finden.“ (Ebd., S.41.) Für seine Theorie findet er hingegen nur Ausflüchte, ohne diese angemessen zu be­zeichnen. So rettet er sich vordergründig mit der Ansicht, dass die Situa­tion auch auf die übrigen Philosophen des 19. Jahr­hunderts zuträfe (vgl. ebd.). Was würde sich ändern, wenn seine Einschätzung richtig wäre? Auch wenn man, wie er in einem Extremfall vor­schlägt, Dichtungen von Mallarmé Realdefinitionen zur Seite stellt (vgl. ebd.), was wäre durch solche Hypothesen gewonnen?
Im Kontext von Gedichten des Spätromantikers fällt auf, dass Gustafssons Wort Wirklichkeit einen um­fangreicheren Bezug haben muss, als zunächst angenommen wurde. Eventuell führt die folgende Diskussion noch zu einer Klärung. Kunstwerke von Nachahmern, wie z.B. die Bilder von Rembrandt und Delacroix innerhalb Gustafssons Theorie, decken nur einen kleinen Bereich ab. Für eine Theorie, die z.B. auch Kandinskys informelle Malerei erfasst, werden andere Angaben benötigt. Relevante Aussagen findet man im Rahmen der Sprachphilosophie. Die Frage lautet: was wird abgebildet? Gustafsson antwortet mit den Worten Struktur, Ordnung und Relationen (vgl. ebd., S.247/248). Doch welche könnten als Abgebildete in Frage kommen?

So als ob Gustaffson ein Rückzugsgefecht einleitet, wechselt er von Abbildungen hin zu Konstruktionen. Sätze werden nicht als Abbildungen in Relation zur Wirklichkeit gestellt, sondern sie werden kon­struiert. Als Grundlage dient: „die Struktur des Satzes und die Struktur der Welt ist immer dieselbe.“ (Ebd., S.261.) Im Hinblick auf Konstruktionen geht er noch einen Schritt weiter. Nicht nur Sätze werden konstruiert, son­dern auch die Welt: „Wir selber strukturieren die Welt, wenn wir ver­schiedenfarbige Steine in unserer rechten oder linken Ho­sen­tasche sammeln“ (ebd.) Doch genau dies ist un­möglich: so kön­nen Gegenstände eines Zimmers, die man umräumt, relational strukturiert, auch umstrukturiert werden, nicht aber Fahr­zeuge durch Zeichen, z.B. durch Steine wie im Fall des Jungen. Die Welt würde bleiben wie sie war.
Das krampfhafte Festhalten an Isomorphie hängt vielleicht damit zusammen, dass die Struktur unabhängig von Sprache und Welt vor­kommt, als Substanz: „die Struktur des Satzes und die Struktur der Welt ist immer dieselbe. Nie existiert mehr als ein Exemplar von einer Struktur; das, wovon mehrere Exemplare existieren, sind ihre Erscheinungsformen“ (Ebd.) Die Substanz wäre ein metaphysisches Etwas, das sich Gustafsson in Sprache und Welt.

III

In Goodmans Ansatz ist über Zeichen kaum etwas zu erfahren. Er spricht über Symbole, die für etwas stehen und auf diese Weise Bezug nehmen. Die Schwierigkeit ist, rauszubekommen, was damit ausgesagt wird, denn dieses ‘Für-etwas-stehen’, das ein Symbolisieren ausmache, verbindet zwei völlig verschiedene Bereiche auf geheimnisvolle Weise miteinander. Der Präsident einer menschlichen Gemeinschaft, sei es auch nur der eines lokalen Kunstvereins, kann aufgrund seines Amtes für die Mitglieder sprechen, auch wenn er ausgepfiffen wird, doch Svmbole einerseits und Symbolisiertes andererseits gehören zu unterschiedlichen Bereichen. Es wäre z.B. lächerlich, anstatt den Präsidenten auftreten zu lassen, ein Bild von ihm auf der Bühne zu platzieren. Dass Talmi im Eingangsessay Goodmans symboltheoretisches Hauptwerk (vgl. Goodmann, N., 1998) erst gar nicht einbezieht, ist vielleicht diesem besonderen Umstand zu verdanken.

Die Lösungen, die Goodman anbietet, sind nicht weniger kurios als die bisher behandelten. Worte Symbol geben ihm – im Vergleich – mehr Möglichkeiten an die Hand, Bezüge zu beanspruchen. Der Bauplan eines Gebäudes würde das Gebäude symbolisieren, eine Notation eine Aufführung. In beiden Fällen handelt es sich jedoch um konzeptionelle Gestaltungen. Bei der Anfertigung eines Konzeptes auf etwas als Bezug zu verweisen, das eventuell in der Zukunft liegt, unter Umständen gar nicht eintreten wird, weitet Bezugnahmen unangemessen aus. Immerhin gibt Goodman aber die Möglichkeit frei, dass kein Bezug vorliegt, wie bei einem Bild, das ein Einhorn zeigt.

Er bleibt jedoch keineswegs eindeutig: „Wer (...) nach einer Kunst ohne Symbol Ausschau hält, wird keine finden“ (ders., 1990, S.86). Auch ein emotionaler Audruck kann Symbol sein. Ein Kunstwerk enthält den Ausdruck von Trauer durch eine symbolische Metapher, die sich auf etwas bezieht, auf das auch ein Wort traurig verweisen würde (vgl. ders., 1998, S.87f.). Die Schwierigkeit, die sich eröffnet, ist leicht beschrieben: ein künstlerischer Audruck ist i.d.R. viel präziser, als es ein kontextloses Wort traurig sein kann. Die Bezugsmöglichkeiten eines Wort traurig wären zu umfangreich, um als Hilfe oder Erläuterung zu dienen. Und wenn schließlich ein Symbol in der Not, weil es einen Bezug aufzuweisen hat, sogar auf sich selber verweisen muss (vgl. ders., 1998, S.65), wirkt das ganze Unternehmen doch sehr erkünstelt. Ich sehe im vorliegenden Kontext davon ab, Goodmans Symboltheorie in aller Breite vorzustellen.



IV

Die zentrale Frage des Essays lautete: ist eine allgemeine Kunsttheorie möglich? Fasst man Worte, Far­ben, Töne, Klänge usw. als Zeichen oder Symbole, dann er­geben sich Unvereinbarkeiten und Künstlichkeiten, die aus funktio­nalen Differenzen resultieren. Vergleichsweise junge Künste, für manchen eventuell absonderliche, müssen erst gar nicht einbezogen werden; bereits die traditionellen, gleich­sam klassischen Bereiche Belletristik, Malerei und Musik las­sen sich kaum allgemein behandeln.



Literatur

Adorno, Th.W., 1973, Ästhetische Theorie, Frankfurt a.M.

Arnauld, A., 1972, Die Logik oder die Kunst des Den­kens, Darmstadt (Wiss. Buchgesellschaft).

Bense, M., 1979, Ästhetische Kommunikation, in: Ästhe­tik, hrg. v. W. Henckmann, Darmstadt (Wiss. Buch­ge­sellschaft), S.332-338.

Goodman, N., 1990, Weisen der Welterzeugung, Frankfurt a.M.

Goodman, N., 1998, Sprachen der Kunst: Entwurf einer Symboltheorie, Frankfurt a.M.

Gustafsson, L., 1980, Sprache und Lüge, München.

Wittgenstein, L., 1984, Tractatus logico-philosophicus, in: Werkausgabe Bd.1, Frankfurt a.M., S.7-85.

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Mein Beitrag zum Band: „Diabolus. Essays über Künste“, hg. v. K. Talmi, der diesen Herbst erscheinen wird (AutorenVerlag Matern). 

Mittwoch, 26. Februar 2014

Über das neue eBook „Analytische Belletristik“

Aktuell streiten sich in ZEIT, FAZ, und SZ Schriftsteller über den Buchmarkt, über konventionell gewordene Literatur und ihre Gründe, führen behütete Milieus junger Schriftsteller an, die Beharrung auf deutschen Lesegewohnheiten durch den Literaturbetrieb gegenüber Migranten, auf einen mysteriös belassenen gesellschaftlichen Zusammenhang … Doch all dies bleibt weit zurück hinter einer grundlegenden Kritik, die Mark Ammern einleitend in der von ihm herausgegebenen „Analytischen Belletristik“ formuliert: in Kritik gerät der Literaturbetrieb als industrieller Komplex, der an Literatur zunehmend das Interesse verloren hat, Marktgängigkeit und Konsum in das Zentrum stellt, weit davon entfernt, literarische Kunst anbieten zu wollen. Dem gegenüber wird auf „individuelle Zugänge“ von Schriftstellern zur Literatur samt einiger Ausnahmen verwiesen.
Bei den Texten des Bandes handelt es sich nicht um wissenschaftliche oder philosophische, sondern um literarische Essays, denen gleichwohl eine analytische Haltung zugrunde liegt. Deshalb finde ich die Publikation besonders interessant.


… mit Bezug auf Sprache


Wenn der Literaturbetrieb im großen Umfang betroffen ist, dann auch Kritik und Literaturwissenschaft. Ich folge nicht dem Aufbau des Buches, nach Ammerns Einleitung ist Kathrina Talmis Essay „Jenseits des Absoluten“ zu finden, in dem künstlerische Autonomie und Angemessenheit als Kriterien vorgeschlagen werden, sondern aus der Position eines Rezipienten, der mit sprachlichen Produkten konfrontiert wird. Reinhard Matern macht in „Deformation, Dekonstruktion und Analyse“ darauf aufmerksam, dass es Rezipienten schwerfallen kann, überhaupt auf Literatur Bezug zu nehmen, weil dies ihre sprachtheoretischen Annahmen gar nicht ermöglichen! Dies fällt besonders bei Derrida auf, der im Rahmen seiner Zeichentheorie lediglich Worte und Bedeutungen anführt. Dieser besondere Mangel, so Matern, mache es leicht, Worte und Gegenständlichkeiten, ob wirkliche oder imaginäre, zu verwechseln, der Sprache Eigenschaften zukommen zu lassen, die einer sozialen Welt des Handelns entlehnt sind, aber mit Sprache nichts zu tun haben. Eine unzureichende Differenzierung von Sprache und Gegenständlichkeiten sieht er auch in Friedrichs Erörterung spätromantischer Lyrik, die er zuvor thematisiert hatte. Wirklichkeit wird nach Friedrichs deformiert, obgleich eine dichterische Sprache Gegenständlichkeiten überhaupt nichts anhaben kann. Matern plädiert dafür, sich zunächst die Möglichkeit zu schaffen, überhaupt als Rezipient auftreten zu können und schlägt die analytische Sprachphilosophie als geeigneten Kontext vor.


Schönheit versus Angemessenheit


Kant hatte in seiner „Kritik der Urteilskraft“ auch Geschmacksurteile thematisiert. Weil im Literaturbetrieb als auch unter Rezipienten immer mal wieder von Geschmack die Rede ist, Ammern hebt dies in seiner Einleitung hervor, ist es unumgänglich, die Möglichkeiten für solche Phrasen auszuloten. Nach Kathrina Talmi („Jenseits vom Absoluten“) verliert sich das Gerede empirisch in unzählige Worte schön, denen allenfalls psychologisch nachzukommen wäre, Ammern wendet sich Kant direkt zu und erläutert im Rahmen einer geschaffenen experimentellen Laborsituation, dass durch begrifflos Schönes nicht einmal Form berücksichtigt werden könnte, lediglich ein glucksendes Wonnegefühl, das dem von Babys ähneln könnte.
Um diesem desolaten Mangel zu entgehen, schlägt Talmi die bislang primär durch Wissenschaft und Philosophie bekannte Frage nach Angemessenheit vor und führt in diesem Kontext vorhandene als mögliche Relationen an, die für ein Kunstwerk relevant sein können, innere als auch äußere. Das Wort Angessenheit wird in der gesamten Publiktion jedoch nicht definiert. Beurteilungen bleiben persönliche Einschätzungen, jedoch innerhalb von Zusammenhängen und Kontexten. Talmi setzt einen besonderen Akzent auf die Offenheit von Angemessenheit, weil die jeweiligen Produkte als Ausgang dienen, um Relationen beurteilen zu können. Eine Frage nach Angemessenheit kann sich vielen künstlerischen Richtungen gebenüber bewähren, weil sie diese ernst nimmt. Um jedoch ein „hermeneutisches Geschwätz“ zu vermeiden, hebt Matern die Möglichkeit zu Vergleichen hervor, zu „analytisch bedingte(n)“.


Künstlerische Autonomie und Angemessenheit


Künste können sich nur entwicklen, wenn Neues gewagt wird. Dazu bedarf es jedoch künstlerischer Autonomie. Ohne eine solche Freiheit verfällt eine Kunst in Kunsthandwerk, das sich hervorragend industieller Produktionsweisen bedienen kann. Talmi als auch Ammern fordern zu künstlerischer Autonomie heraus, um einem gesellschaftlich entstandenen Einerlei zu entkommen. Talmi betont den künstlerischen Preis, „Schweiß und Tränen“, Ammern verweist historisch auf Dada, Pop-Art und Aktionskunst, um die Tragweite von autonomem Handeln und möglicher Angemessenheit anzuführen.

Literarische Angemessenheit wird in zwei Gesprächen und Ammerns Essay „Wer erzählt - warum - und für wen?“ thematisiert. Ammerns Anliegen ist es, einen gottgleichen Erzähler der Theologie zuzuschieben, gleichwohl sieht er die Möglichkeit für einen erzählenden Konstrukteur, der allerdings, wenn er nicht literarisch ausgebildet ist, nur mit dem Autor zusammenfallen kann! Alles andere würde von außen eine Fantasie überstülpen, die mit dem Text nichts zu tun hat. Über eine Stärkung des Erzählers hinaus verweist Ammern sogar auf die Schaffung eines Micro-Umfelds, wie es literarisch in alten Sammlungen oder in Novellen ausgebildet wurde, das mögliche Hörer / Leser integriert. Wie dies in zeitgenössischer Weise machbar ist, muss freilich den jeweiligen Schriftstellern überlassen bleiben.
Das Gespräch „Das Dilemma der Literaturkritik“, an dem Matern und sein Erzähler, Talmi als auch Ammern beteiligt sind, nimmt den Bachmannpreis 2013 zum Anlass, um sich über die Rolle von Kritikern, über Literatur und ein letztlich zentrales Problem auszutauschen: Gegen Ende des Gesprächs gerät eine schriftstellerische Wirklichkeit in Gegensatz zu Formansprüchen der Kritik. Es handelt sich um eine Unverhältnismäßigkeit der Kritik.
Fast zum Abschluss des Bandes, im zweiten Gespräch (Talmi, Matern, Ammern), betitelt mit „Literarische Angemessenheit“, wird Bernhards Kritik eines traditionellen Kunstbegriffes aufgegriffen und weitergetrieben: Talmi bezeichnet ihn als „platonische Idee“ und verwirft die Ansprüche an Vollkommenheit, Vollständigkeit usw., um der Literatur wieder Leben einzuhauchen. Dies kann auch dazu führen, dass Ammerns Hang zur schreibenden Improvisation Geltung erhält, auch wenn sie betont, dass sie eine von Ammern gebaute Brücke nicht betreten würde.

Analytische Belletristik.
Essays und Gespräche.
Hg.: Mark Ammern
ISBN 9783929899115 (ePub)
ISBN 9783929899153 (Kindle KF8)
€ 4,99
Erscheinungsdatum: 28.02.2014
AutorenVerlag Matern

Mittwoch, 22. Januar 2014

EBook: "Analytische Philosophie?"

Der Essay "Analytische Philosophie?", den ich online gestellt habe, ist der Titelessay eines gleichnamigen eBooks, das in Kürze erscheinen wird: als ePub, Mobi-KF8 und als PDF. Der Verlag schreibt:

"Der Titel des Bandes greift eine Frage auf, die im alltäglichen Umgang aufkam: die Frage nach analytischer Philosophie, vom Rücksitz eines Autos gestellt. Dieser Kontext bot den Anlass, eine Herangehensweise zu wählen, die bislang nicht üblich war: auszuprobieren, was eine Einbeziehung des Alltags und Umgangs erbringen könnte, ohne auf Komplexität zu verzichten.

Diese Öffnung hat zu überraschenden Ergebnissen geführt, die eine Weiterentwicklung der analytischen Philosophie erlauben, auch und in besonderer Weise theoretisch: Die Beachtung von umgangsprachlichem Verhalten kann dabei behilflich sein, Sprache besser zu verstehen, als dies eine traditionelle wissenschaftsphilosophische Ausrichtung ermöglichen würde.

Die Beiträge zu diesem Band haben Kathrina Talmi, Reinhard Matern und Kai Pege eingebracht." (Vgl. AutorenVerlag Matern)

Online ist dort ein Preview-PDF zu finden, das auch die Inhaltsübersicht und die Einleitung enthält. Ich freue mich, dass der Titel bald lieferbar sein wird!